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Musik und Artverwandtes

Nun ist die Musikwelt wieder in Ordnung. Xavier Naidoo und Kool Savas haben ein Statement abgegeben und gesagt, was zu erwarten war, und die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen eingestellt, weil ein Rap, der von einem Jesusfreak verbrochen wurde, ganz gewiß kein Crap sein kann. So einfach geht das inzwischen wieder. Nicht das Kunstwerk zählt, sondern die Gesinnung. Stammte der Track von Frei.Wild, stünde er längst auf dem Index.

Ich bin stets dagegen, mit zweierlei Maß zu messen. Dieser Text wird nicht dadurch besser, daß er von zwei Jungs stammt, die sich als Musterknaben darstellen. Bei der Frage, ob ein Songtext volksverhetzend ist oder nicht, darf nur der unmittelbare Kontext eine Rolle spielen: also die Vertonung, die Interpretation und die Einbettung in das musikalische Geschehen der jeweiligen CD. Zur Vertonung und zur Interpretation ist in diesem Fall zu sagen, daß es nicht den allergeringsten Hinweis darauf gibt, es könnte sich um das Werk zweier Menschenfreunde handeln, die nur vor Pädokriminellen warnen wollen, nicht aber allgemein vor Männern, die keine Möse lieben. Und zum Kontext ist zu sagen, daß zwischen ihm und dem letzten Titel zwei Minuten Pause liegen, und danach kommt gar nicht mehr. Es handelt sich also eindeutig um eine Botschaft, die Xavas für so wichtig halten, daß sie ihr einen Sonderstatus zugewiesen haben. Hört mal alle hin, was wir euch sagen wollen! Und nun, da alle hingehört und die Botschaft des Tracks so verstanden haben, wie sie nur verstanden werden kann, drehen sie uns eine Nase und behaupten, sie hätten das alles anders gemeint. Weshalb aber waren sie nicht in der Lage, bereits im Track darauf hinzuweisen? Ich hätte es nicht überhört und sie beide verteidigt. Denn die Kunst ist das Reich der Zwischentöne. Doch wo sind die Zwischentöne in Wo sind? Ich habe keine vernommen, anders als in diesem sprachlich nicht minder primitiven Text aus der Anfangszeit von Böhse Onkelz, über den ich hier schon einmal kurz geschrieben habe, weshalb er noch immer zu Unrecht auf dem Index steht.

Ohnehin kann es nicht darum gehen, solche Texte zu verbieten. Stattdessen sollten sich unsere Saubermänner lieber fragen, welchen Anteil sie daran haben, daß derlei Texte geschrieben werden: sind all diese Machwerke doch ein zuverlässiger Indikator für den Rücksturz unserer Zivilisation ins Mittelalter. Wo wir bereits angekommen sind, zeigt besonders deutlich diese Tagesschau-Meldung vom 17. November 2012:
Überwiegend Rechtsgelehrte und liberale Politiker sind beunruhigt, dass sich Pranger-Strafen zunehmender Popularität erfreuen, nicht nur auf dem flachen Land. In Pennsylvania musste eine 55-jährige Frau ein Schild um den Hals tragen, auf dem stand: "Ich habe ein neunjähriges Mädchen bestohlen. Stiehl nicht, sonst passiert Dir das auch!" In Texas wurde ein Mann, der seine Frau mehrfach geschlagen hatte, zu 30 Nächten in einer Hundehütte verurteilt.
Geiler Stoff für'n coolen Track!

Und das habe ich erst gestern erfahren, als ich kucken wollte, was denn heute so im DLF-Soundcheck läuft. Am 5. Oktober 2011 ist Bert Jansch gestorben. Bert Jansch? Ja, Bert Jansch, der Generationen von Gitarristen beeinflußt hat und seit 1970 auch zu meinen Helden zählt. Doch gehört hatt' ich ihn schon als Kind, ohne seinen Namen zu kennen, und zwar mit diesem unvergeßlichen Stück:



Gesehen habe ich ihn nur einmal, 1974 oder 1975 im Göttinger Nörgelbuff. Er war so dermaßen besoffen, daß er kein Stück spielen konnte und nach einigen Versuchen seinen Auftritt abbrechen mußte. Das studentische Folk-Pack begriff nicht, was da vor sich ging, und wollte ihn unbedingt hören. Es war das deprimierendste Konzerterlebnis meines Lebens: die seltsame Tristesse der frühen 70er Jahre, konzentriert nur in ein paar Minuten.

Eine Dokumentation über Bert Jansch gibt es hier zu sehen.

Und sonst?

Die Werbefuzzis haben uns alle fest in ihrem Würgegriff.

dachte ich um Mitternacht: angesichts der Silvesterraketen, die inzwischen fast ausnahmslos mit einem Knall explodieren, dem kaum noch etwas folgt, was man gesehen haben sollte. Es sind Raketen für all die Typen, derentwegen man die Straßenseite wechselt, obwohl einem geraten wird, das auf keinen Fall zu tun, sondern geradeaus weiterzugehen, ohne ihnen in die Augen zu sehen, denn dadurch könnten sie sich beleidigt fühlen, dachte ich. Und ich habe wohl richtig gedacht. Denn nicht zufällig gab es ausgerechnet in Berlin 40 % mehr Silvesterbrände als vor einem Jahr. Nun wird der neudeutsche Spießer laut. Er fordert ein Verbot von Feuerwerkskörpern in Laienhand. Hierzu ein Leserkommentar im Tagesspiegel:
Das Leben ist nun mal kein Ponyhof, und die Politik hat den großen Fehler begangen, bei den Rauchverboten einer kleinen aber lautstarken Minderheit soweit nachzugeben, daß sich daraus die generelle Haltung entwickelt hat, den Mitmenschen mit all seinen Stärken und (vor allem) Schwächen nicht mehr ertragen zu wollen, weil jeder glaubt, er könne von der Politik (gepusht von passenden NGOs) jeweils seine eigene Lebensweise als gesetzliche Maxime für alle einfordern.
Diesen Zeilen schließe ich mich an. Und während ich dies schreibe, wird gemeldet, was ich befürchtet habe. Das Jahr 2012 begann genauso, wie es in einem Katastrophenfilm begonnen hätte: mit einem schweren Erdbeben der in der Metropole Tokio. Der Spiegel wiederum setzt mit seiner ersten Titelgeschichte des Jahres den passenden Kontrapunkt: Lebenskunst Optimismus.

Ich bin nicht optimistisch. Ich fürchte mich speziell vor diesem Jahr; genauer: vor all den durchgeknallten Menschen, die in ihrem unbewußten Drang, Hollywood zu imitieren, aus 2012 das Jahr des Weltuntergangs machen möchten. Jeder, den ich kenne, spürt spätestens seit 2011 die kollektive Energie. Die letzten Optimisten empfinden sie als positive. Ich gehöre nicht zu diesen Optimisten. Denn wo die Menschen Freiheit fordern, tun sie dies in aller Regel nur, weil - wie der zitierte Kommentator richtig schreibt - jeder glaubt, er könne von der Politik (gepusht von passenden NGOs) jeweils seine eigene Lebensweise als gesetzliche Maxime für alle einfordern. Und welche Art von Lebensweise ist das? Die der medial oder religiös Verblödeten. Sie sind in der Mehrzahl und okkupieren alles, im Namen ihres Gottes oder im Namen der Wissenschaft.

Wie es speziell in Deutschland um diejenigen bestellt ist, die hier Wissenschaft betreiben, zeigt sich deutlich an einem Aufsatz einer deutschen Doktorandin, den ich am letzten Tag des Jahres im Internet fand. Das Thema dieses Aufsatzes wird nicht jeden interessieren. Doch es geht mir gar nicht um das Thema selbst, sondern um die Art, wie die Verfasserin damit umgeht, und die Ehre, die ihr dieser Aufsatz eingetragen hat. Denn erstens ist es eine Ehre, wenn man einen Aufsatz in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen darf, und zweitens ist es eine ganz besondere Ehre, wenn ein solcher Aufsatz im Ausland publiziert wird, von einer Universität. Drittens schließlich ist es eine ganz besonders große Ehre, wenn es sich um einen interdisziplinären Aufsatz mit einem Thema handelt, das nicht nur Studenten betrifft und in ganz hohem Maße dazu beitragen könnte, Menschen eines anderen Landes näher als bisher mit unserer Kultur bekanntzumachen und ihnen zu vermitteln, auf welch hohem Niveau bei uns die Kultur- und Geistes- und Sozialwissenschaften betrieben werden. All diese Ehren wurden einer Doktorandin zuteil, deren Namen ich aus Fremdscham hier nicht nennen mag. Sie wurde 1984 geboren, hat in Regensburg studiert und unterrichtet Deutsch an der Universität Lyon, also in einem Lande, wo Rammstein ganz besonders viele Fans haben. Was lag da näher, als über diese Band zu schreiben? Die Doktorandin hat es getan. Zwar verrät der Aufsatz, daß sie sich offensichtlich kaum mit der Band beschäftigt hat (so etwa wird eine DVD-Box fälschlicherweise als Album bezeichnet); doch darauf kommt es unserer akademischen Elite ja auch schon lange nicht mehr an. Wichtiger als alle Fakten ist inzwischen wieder die politische Gesinnung. Das ergebnis einer Untersucung steht schon fest, bevor auch nur 1 Satz geschriben ist. Doch nun hat eine Doktorandin wissenschaftlich bewiesen, was so viele deutsche Journalisten bisher nur behauptet haben: daß die (wie sie es nennt) rechtsradikale Ästhetik bei Rammstein überall zu finden ist - in den Texten, in den Videos und in der Bühnenshow. Und das hat die Doktorandin so gemacht (alle Hervorhebungen hier und weiter unten im online veröffentlichten Original):
Bereits im Titel führen viele Lieder Bestandteile nationalsoziali-stischer Rhetorik. So trägt etwa das Album [sic!, Qu.] aus dem Jahre 2006 den Titel Völkerball.
Wie? Das Wort Völkerball ein Naziwort? Ach was. Das wußte ich noch gar nicht. Nur gut, daß es jetzt all ihre Leser wissen. Viele waren ganz gewiß schon als Austauschschüler in Deutschland und haben Völkerball gespielt. Nun haben sie endlich erfahren, daß die deutschen Sportlehrer wahrscheinlich allesamt verkappte Nazis sind.
Der Begriff bezeichnet einerseits ein bei Schülern beliebtes Ballspiel, bei welchem zwei Teams versuchen, die Mitglieder der gegnerischen Mannschaft mit einem Ball zu treffen und dadurch ihre Zahl zu dezimieren. Andererseits evoziert er aber bei einem Deutschen auch zwangsläufig Reminiszenzen an die Nazi-Ideologie, so etwa an den Propagandaslogan "Ein Volk, ein Reich, ein Führer", der 1938 auf den Wahlplakaten der NSDAP zu lesen war (Littlejohn, 2010: 38).
Wer bei dem Wort Völkerball nicht zwangsläufig an Volk & Reich & Führer denkt, der kann dieser Logik zufolge gar kein Deutscher sein. Jedenfalls kein guter Deutscher. Als guter Deutscher nämlich hat man gefälligst immer nur an das Eine zu denken (und nicht etwa daran, seine Behauptungen, etwa über Nazi-Rhetorik in den Songtiteln von Rammstein, auch zu belegen):
Das Wort "Volk" muss jedem schuldbewussten Deutschen der Nachkriegszeit zuwider sein und hinterlässt jenen bitteren Nachgeschmack, der das deutsche Nationalgefühl seit 1945 bestimmt.
"Die ist doch meschugge!" rief einer meiner Freunde, als ich ihm das vorlas. Neenee, sagte ich. Diese Doktorandin ist eine ganz normale und ganz nette junge Frau. Ich habe bei Facebook gekuckt. Sie ist blond und hat große blaue Augen und trägt auf einem der Bilder sogar ein Dirndl, und zwar ein sehr offenherziges. Was ich hier nicht erzähle, um ad personam zu argumentieren, sondern um zu dokumentieren, in welch extremem Maße gerade die spezifisch deutsche Variante der political correctness die Wahrnehmung verzerrt: eine junge deutsche Doktorandin, die exakt so aussieht, wie man sich im Ausland (und nicht nur im Ausland) eine junge deutsche Doktorandin vorstellt, die därrr Föööhrrrärrr höchstpersönlich auf den Obersalzberg eingeladen hätte, - ausgerechnet eine solche Doktorandin schreibt, was ich eben zitiert habe. Doch müßte einer Frau, der schon das Wort Volk zuwider ist und die überall rechtsextreme Ästhetik wittert, nicht auch ihr eigenes Äußeres zuwider sein? Schließlich sind ihr auch Körepermerkmale der Mitglieder von Rammstein zuwider. Sie schreibt:
Aber nicht nur linguistisch [sie meint das gerollte R, das bei ihr viel Platz einnimmt, den sie sinnvoller hätte nutzen können], auch optisch lehnt sich die Band an die Nazi-Ästhetik an. Auf der Ebene der Bühnenshow zeigt Rammstein eine klare Vorliebe für nackte, muskelbepackte Oberkörper und pyrotechnische Machtdemonstrationen, welche für so manchen die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten.
Nur am Rande sei bemerkt, daß die Verfasserin mit keinem Wort begründet, weshalb es sich bei den beliebten Rammstein-Feuerwerkeleien um Machtdemonstrationen handeln soll. Mit Nachdruck sei jedoch darauf hingewiesen, daß der Logik dieser Doktorandin und auch einiger Journalisten zufolge das Zurschaustellen eines männlichen Oberkörpers auf der Bühne strikten Vorschriften unterworfen werden sollte. Ein Musiker, der Muckis hat, muß angezogen bleiben, und wenn er auf der Bühne noch so schwitzt. Entblößt er seine Muskeln, muß er zur Strafe in der rechten Ecke stehen: es sei denn, er wäre ganz eindeutig ein Linker. Rammstein jedoch sind nicht eindeutig. Sie sind keine Missionare, sondern Künstler. Und das nimmt vor allem (aber nicht nur) diese Doktorandin ihnen ganz besonders übel. Sie verlangt nach Aussagen, die man als klares politisches Statement werten kann. Da sie solch ein Statement aber nirgendwo findet, ist für sie die Sache klar. Zwar stellt sie Rammstein (was zunächst erstaunt; doch ihr kam ganz offensichtlich dieser exzellente und tatsächlich wissenschaftliche Aufsatz in die Quere) nicht wie erwartet in die rechte Ecke, wirft ihnen jedoch vor,
den Extremismusverdacht einerseits zu schüren und ihn andererseits in Interviews zu zerstreuen [...]. Nur wenn der Zuhörer unsicher bleibt, ob die Gruppe den Nationalsozialismus ironisch oder ernst zitiert, wirken diese Referenzen als Tabubruch.
Im Fazit dieses höchst empfehlenswerten, weil nicht Rammstein, sondern deren Entlarver entlarvenden Textes heißt es, Rammstein betrieben die Banaliserung des Politischen zu kommerziellen Zwecken. Doch was genau ist das Politische an einem Wort wie Völkerball, am gerollten R, an muskulösen Oberkörpern und daran, daß Rammstein sich (wie diverse Künstler vor und nach ihnen) auf Bilder von Leni Riefenstahl beziehen? Das sagt die Doktorandin nicht, genausowenig wie die übrigen Kritiker der Band es je so gesagt haben, daß ich es geistig nachvollziehen könnte. Weiter schreibt die junge Frau, die mit Recht schockiert wäre, würde sie nur deshalb angegriffen, weil sie blond ist, blaue Augen hat, aus Süddeutschland stammt und im Dirndl posiert:
Indem die Band zur Provokation auf unsensible Weise in der deutschen Vergangenheit herumrührt, bleibt sie erfolgreich im Gespräch. Dieser Erfolg wird so lange andauern, als sie entrüstete Gegenreaktionen ernten, die [im] Endeffekt nichts weiter sind als eine Politisierung des Banalen.
In diesem letzten Satz sagt die Doktorandin etwas Richtiges: daß nämlich nicht die Band, sondern deren politisch motivierte Kritiker und damit auch und vor allem sie, die Autorin, etwas sehr Dummes tun. Sie politisieren Werke, die gar nicht an sich politisch sind, sondern nur so hingebogen werden: von Leuten, die von der Kunst und/oder den Künstlern verlangen, daß sie ihnen geben möchten, was unsere immer chaotischer werdende Welt ihnen schon lange nicht mehr gibt: einen festen Halt und Werte und einen Maßstab, mit dessen Hilfe sie klar zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Rammstein liefern diesen Maßstab nicht. Sie machen (ganz anders als so viele ihrer Kritiker herablassend schreiben) keine Kunst für Kinder. Denn Kinder können keine Ambivalenz ertragen. Sie wollen wissen, wo's langgeht. Sie wollen klare Ansagen auch in der Kunst, ganz so wie einst die Nazis, später dann die Kommunisten und heute alle Gutmenschen. Sag mir, wo du stehst!

Ich kann nicht sagen, wo ich stehe. Ich stehe mal hier, mal dort, je nachdem, wo die Vernunft zu finden ist: also überall und nirgends, wie das lyrische Ich in Mein Land, keinesfalls aber dort, wo die Rammsteinhasser stehen. Denn Rammstein sind nicht irgendeine Band, die man gutfindet oder nicht. Rammstein sind ein Phänomen, an dem sich die Geister so scheiden wie einst an Feeling B in der DDR. Wer diese Band begriffen hatte und dennoch nicht verdammte, der war unbrauchbar für die Bonzen im realen Sozialismus. Das gleiche gilt für Rammstein im realen globalen Kapitalismus. Wer sie wirklich versteht und dennoch oder deshalb liebt, der ist verloren für den Selbstbetrug, den die Machthaber von heute uns allen abverlangen, gestützt von einer Wissenschaft, die mehr und mehr zum Religionsersatz verkommt und benutzt wird, um uns alle gleichzuschalten.

Was wäre, wenn wir Deutschen plötzlich alle auf die Straße gingen? Diese Frage höre ich immer häufiger, jedesmal mit dem Zusatz, daß es niemals dazu kommen werde. Aber warum eigentlich nicht? Den Deutschen gehe es noch viel zu gut, wird jedesmal gesagt. Das ist sicherlich nicht falsch. Doch ein ganz wesentlicher Grund dafür, daß die Deutschen zwar massenhaft gegen Stuttgart 21 oder Flughäfen demonstrieren, aber niemals gegen das marode System, wird selten oder nie genannt: ihnen fehlt das Selbstbewußtsein, weil sie gar nicht wissen wollen, wer sie sind. Die sog. Unterschicht sucht lieber den Superstar und Germany's next Top Model, und die sog. akademische Mittelschicht, sofern sie überhaupt noch denken kann, denkt genau das, was sie denken soll und wofür der Aufsatz über Rammstein ein sehr typisches Beispiel ist. Anstatt sich nämlich mit der ganzen Welt darüber zu freuen, daß aus Deutschland endlich wieder einmal eine Musik gekommen ist, die wie einst Lili Marleen die ganze Welt begeistert, wissen die vermeintlich so gebildeten und geläuterten Deutschen wieder einmal alles besser als der Rest der Welt, der liebend gern mit uns zu Rammstein tanzen würde, so wie früher alle (bis auf die Misanthropen) zu den Beatles tanzten, schließlich dann zu ABBA. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Also zetern unsre Gutmenschen, Rammstein seien ganz ganz schlimm, und man dürfe sie nicht gutfinden. Damit aber machen unsere neuen Oberlehrer nicht nur sich selbst zum Gespött, sondern uns alle krank. Sie gönnen uns die Freude und die Freunde nicht. Sie können nicht damit leben, daß aus Deutschland, dazu noch aus dem Osten, eine Band gekommen ist, die nicht minder charismatisch und nicht minder witzig ist als es einst die Beatles waren, und deren Musik nicht minder kraftvoll ist als die von Richard Wagner und zuweilen nicht minder melancholisch als die Lieder von Franz Schubert. Rammstein sind die erste Band, die eine wirklich (und zwar im besten Sinne) deutsche ist - und zugleich eine im besten Sinne internationale, weil ihre Themen jeden Menschen auf der Welt betreffen und ihre Ästhetik nicht faschistisch, sondern zeitlos ist. Rammstein haben der ganzen Welt die Angst vor den Deutschen genommen, weil es ihnen unbewußt gelungen ist, alles Deutsche (das Positive wie das Negative) auf einen Nenner zu bringen, ganz im Geiste von Loriot. Dafür werden sie in aller Welt geliebt und von all den Deutschen gehaßt, deren heimliche Hymne Feeling B geschrieben haben: Wir wollen immer artig sein (ab 2:00 im verlinkten Video); von all denen also, die auch ich gern Gutmenschen nenne, weil sie so ungut sind wie alle, die nach oben buckeln und nach unten treten und jede Lebensfreude bereits im Keim ersticken, also auch jedes Schmerzempfinden und jede Melancholie und damit genau das, was Rammstein in uns wecken, wenn wir es nur zulassen.

Von vielen, die das zulassen, gibt es bei YouTube Videos zu sehen. Sie spielen die Lieder von Rammstein oft mehr schlecht als recht, doch sie singen diese Lieder in unserer (wie deutsche Rockmusiker jahrelang behauptet haben: unmusikalischen) Sprache, mal mehr, mal weniger gebrochen, aber stets mit Inbrunst, so als kämen diese Lieder direkt aus ihrer Seele. Symptomatisch ist, daß die meisten dieser Videos nicht aus Deutschland stammen. Hier gibt es die besten Coverbands, doch die imitieren Rammstein nur. Die Solisten aus dem Ausland und ganz speziell aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion aber interpretieren die Stücke und machen sie damit zu ihren eigenen: was ihnen nur gelingt, weil ihnen kein deutscher Blockwart sagt, daß die Urheber der Stücke gewissenlose Menschen seien, die nur um des Geldes willen andere schockieren wollten. Wenn ich die jungen Leute aus dem Osten sehe, frage ich mich jedesmal: Wieviel Gutes könnte aus Deutschland kommen, würden unsere Jungen es wagen, so viel musikalisches Gefühl zu zeigen wie auffallend viele ihrer Altersgenossen in der ehemaligen Sowjetunion?

Am 30. Dezember war mein Freund und ehemaliger Mitmusiker G. mit seinen Kindern (14 und 17) bei mir zu Besuch. Ich zeigte ihnen zwei Videos, und zwar diese aus Riga:





Die Kinder, in der Schweiz geboren, also nicht schon (wie so viele hier) frühverblödet & zurechtgestutzt, hörten aufmerksam zu und waren tief beeindruckt. Ihr Vater saß schräg hinter mehr; sie konnten sein Gesicht nicht sehen. Als ich mich nach ihm umdrehte, bemerkte ich zweimal, daß er sich Tränen aus den Augen wischte. Was ihn so sehr berührt hat, weiß ich nicht. Aber ich kann es mir vorstellen. Er durfte nie so sein wie die Musikschüler aus Riga. Er durfte, weil er ein Deutscher war, schöne Musik aus Deutschland nicht ohne Vorbehalte hören und schöne Musik aus dem Ausland nicht einfach nur als schön empfinden. Schöne Musik? Was issen das? Iss doch alles Kitsch. Wir hatten ironisch zu grinsen, sobald wir etwas hörten, das uns zu Herzen ging. Als hörten alle, die ich kannte, um 1980 nur Punk und Wave und Industrial, jedenfalls offiziell. Schon die Musik von Joy Division war vielen viel zu schön. Denn sie ging zu tief. Nie werde ich vergessen, daß zwei meiner Freunde mit betretenen Gesichtern den Saal verließen, als Dead Can Dance 1986 in der Bremer Hochschule für Technik spielten. Sie konnten die Musik nicht ertragen. Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben.

Aber auch dem Leben. Denn Schönheit wirkt kathartisch, wenn man sie auf sich wirken lassen kann, und sie hat viele Gesichter. Wohl dem, der sie sehen und sie ungestört auf sich wirken lassen darf. Uns in Deutschland ist das nicht vergönnt; denn wir müssen (zumindest wenn wir links sind) immer gleich an die Nazis denken, und zwar nicht nur dann, wenn wir Metropolis oder Melancholia sehen oder Rammstein hören. Hier spricht Torsun von Egotronic, einer der der Lieblingsbands der bekanntlich ganz besonders schuldbewußten Antideutschen:



Ich wiederhole das, was Torsun ab 0:47 sagt:
Zynischerweise könnte man fast behaupten, daß Musik rechts ist, weil Musik immer in der Lage iss, n Gemeinschaftsgefühl zu produzieren, in dem der Einzelne nichts iss, in dem der Einzelne untergeht, gerade bei Konzerten. Das'ss ja genau das, was die Nazis wollten und was die Nazis wollen: ein Gemeinschaftsgefühl zu produzieren, was ... In dem steckt dann das Potential, sich gegen was anderes, was Außenstehendes zu richten. Von daher könnt man fast sagen, daß Musik faschistisch iss.
Und an dieser Stelle auch im Video ein Schnitt. Ist Musik denn nun faschistisch oder nicht? Darf man sich als richt'cher Linker an Musik erfreuen? Oder sollte man sie meiden, sofern sie nicht von all den linken Bands stammt, die mit Stolz von sich behaupten könnten, noch nie auch nur eine einzige schöne Melodie komponiert zu haben?

Gute (also schuldbewusste) - Deutsche, so schien es mir schon vor Jahrzehnten, fürchten sich vor jeder Musik, die nicht bloß dahinplätschert oder nicht allein zu dem Zweck produziert wurde, ein linkes Gemeinschaftsgefühl bis hin zum Haß auf Nazis zu erzeugen. Sie fürchten sich vor den Gefühlen, die Musik - nein, nicht erzeugen, sondern: wecken kann. Also fürchten sie sich vor sich selbst. Wer sich aber vor sich selbst fürchtet, der ist nicht selbstbewußt. Geht er dennoch auf die Straße, um zu demonstrieren, wird er zur Gefahr: ob als Nazi oder Antinazi. Aber nie für das System. Denn das durchschaut er gar nicht, weil er nicht sich selbst durchschaut. Er ist nämlich das System, nur im Kleinformat: ein System, worin ein winzig kleiner Teil, der sich für das Ganze hält, alles dominiert und kontrolliert und schließlich ruiniert.

So trostlos will ich meinen ersten Beitrag des Jahres 2012 jedoch nicht enden lassen. Viel lieber wünsche ich allen, die dies lesen, und allen hier verlinkten Musikern (sogar Torsun, trotz seiner egotronischen Haßtiraden auf die Deutschen) alles Gute für das neue Jahr, vor allem auch der hier ungenannten Doktorandin (möge es ihr gelingen, sich von den Fesseln der P.C. zu befreien); all das zunächst mit diesen Versen:
Wenn ihr ohne Sünde lebt
einander brav das Händchen gebt
Wenn ihr nicht zur Sonne schielt,
wird für euch ein Lied gespielt
- und nun mit zwei Videos:





Hoch die internationale Solidarität! Oder, so ein Kommentator zum zweiten Video aus Riga: la buena música es universal.

wird immer wieder diskutiert, und immer wieder wird darauf hingewiesen, daß es jede Menge intelligenter Rapper gebe. Der New Yorker Rapper Rakim zählt zweifellos dazu. Hört man ihn, dann kann man ahnen, daß er einen großen Wortschatz und etwas zu sagen hat. Aber was hat er zu sagen? Weshalb ist es wichtig, sich seine Scheiben anzuhören?

Thomas Elbern, der sie gerade im DLF-Soundcheck vorstellt, vermag mir das nicht zu sagen. Über das gerade laufende Stück wußte er nur zu berichten, es handele sich um eines, das den Krieg hinterfrage. Aha. Aber muß man deshalb HipHop hören? Der Moderator scheint es zu glauben. Ich aber glaube es nicht. Ich verstehe nämlich kaum ein Wort davon, was Rakim rappt. Und habe ich einmal eine Zeile verstanden, habe ich schon wieder drei verpaßt. Ich komme da nicht mit. Mehr noch. Ich fühle mich vergewaltigt, und das Gefühl wird immer quälender, je länger die Sendung dauert: stellt sie mich doch vor die Aufgabe, große Textmengen gleichzeitig hören, übersetzen und verarbeiten zu müssen, neben den Beats und den Samples. Das überfordert mein Gehirn. Mittlerweile schmerzt mein Kopf. Und Thomas Elbern läßt mich allein. "Rakim kann viele Geschichten aus seiner Heimatstadt erzählen", sagte er eben. Leider sagte er nicht mehr. Kein Wort zum Text eines der Tracks. Nur Namedropping aus dem Business. Und die Samples und die Beats? Nicht einmal dazu, daß Rakim ein Stück der Electric Prunes benutzt, hat Elbern etwas zu sagen.

So geht das nun schon seit Jahrzehnten, und ein Ende ist nicht abzusehen. Immer wieder werden wir mit HipHop vollgedröhnt: mit Texten also, die wir nicht verstehen können, wenn wir sie nicht mitlesen, und mit Sounds, die sich zwar aus dem Fundus der Musik bedienen, aber selbst nur selten als Musik wahrnehmbar sind, da es sich um bloße Schnipsel handelt, in der Regel bestenfalls vier Takte lang, ohne melodische und harmonische Entwicklung und über den im Prinzip immergleichen Beats. Nun kommt ein Song, der irgendwo nervt, aber irgendwo auch ans Herz geht, sagt Thomas Elbern; und nun sagt er ausnahmsweise auch einmal, worum es geht: um den Tod von Rakims Mutter. Was aber rappt Rakim? Ich kann kaum noch zuhören, nach all den Verbalattacken, die da auf mich losgelassen wurden; denn Rakim, so Thomas Elbern, sei ein lyrisches Maschinengewehr. Doch wenigstens gibt es in diesem Track ein paar Takte, die gesungen werden: wenn auch von einer Frau, die haucht & piepst, ganz anders als der Macker mit der Knarre.

Tell me how you like that, fragte Rakim gerade, und ich sage offen: daß ich mich vergewaltigt fühle, weniger von Rakim als von Thomas Elbern, der eben auch noch die Stirn besaß, uns eine schöne und entspannte Weihnacht zu wünschen und zum Ausklang der Sendung die sog. Instrumentalfassung zu Holy Are You zu spielen: diese Schwundstufe des schönen Originals von den Electric Prunes, das den Hörern vorenthalten wird, zugunsten der Verblödung durch ein Geschwalle, das wir zwar nicht verstehen können, aber gefälligst gutzufinden haben, weil es zunächst aus den Ghettos kam. Und gar viele meiner sich gebildet und sozial dünkenden Mitenschen sind denn auch so brav, all das kritiklos zu akzeptieren, wie vorgestern den öden Reggae auf einer 'linken' Weihnachtsfete; denn wer sich nicht mit alledem beschallen lassen will, der könnte gar leicht in den Verdacht geraten, ein Rassist zu sein. Also läßt man auch die simpelsten Beats und das abstruseste Gebrabbel über sich ergehen, bis hin zu den Botschaften von Rakim, dessen Reimkunst (ja, er ist zweifellos ein Könner) darin besteht, auf gebildet wirkende Weise nichts anderes zu sagen als die primitivsten Rapper auch: daß er der Allergrößte sei, der Führer, dem man folgen müsse, neben dem unsäglichen Louis Farrakhan. Ob unsere Moderatoren und öffentlich-rechtlichen Sender wissen, was sie da verbreiten? Ganz offensichtlich nicht. Blind und taub marschieren sie den Führern hinterher; nur daß es diesmal keine Deutschen in feschen schwarzen Uniformen sind, sondern schwarze Islamisten wie Rakim, born to be soul controller of the universe. Das alles sei nicht wörtlich zu nehmen? Wer so naiv ist, das zu glauben, der sollte sich mal fragen, weshalb die Globalisierer den HipHop so ganz besonders lieben. Mögen sich dessen Vertreter auch noch so revolutionär gebärden: der HipHop ist der perfekte Soundtrack zur weltweiten kulturellen und sozialen Gleichschaltung der Massen auf unterstem Niveau; die Ghettoversion der Lüge, daß jeder, der es nicht trotz seiner Herkunft zu Ruhm & Reichtum bringe, selbst schuld an seinem Elend sei.

Ganz am Rande sei noch angemerkt, was ich schon 1982 intuitiv erfaßte, als ich die Massen in meiner Disco dumpf zu den ersten Raps wippen sah: daß der Begriff HipHop lautmalerisch für das soldatische Marschieren stehe. Was im deutschen Artikel zum Thema typischerweise verschwiegen wird, ist im englischen nachzulesen. Die Texstelle bezieht sich auf ein 2005 erschienenes Interview mit dem genannten Rapper:
Keith "Cowboy" Wiggins, a member of Grandmaster Flash and the Furious Five, has been credited with coining the term hip hop in 1978 while teasing a friend who had just joined the US Army, by scat singing the words "hip/hop/hip/hop" in a way that mimicked the rhythmic cadence of marching soldiers. Cowboy later worked the "hip hop" cadence into a part of his stage performance. The group frequently performed with disco artists who would refer to this new type of MC/DJ-produced music by calling them "hip hoppers". The name was originally meant as a sign of disrespect, but soon came to identify this new music and culture.
Wenn ich HipHop sage, schwingt der disrespect noch immer mit. Erst recht nach dieser weihnachtlichen Radiosendung auf Kosten derer, die Musik hören wollten, aber zwei Stunden lang nichts anderes präsentiert bekamen als Geknatter aus einem Maschinengewehr.

das schon mal so gehört?


Während sich in der großen Welt so allerlei zusammenbraut, können sich die Deutschen freuen. Nachdem man ihre erste offizielle Neonazi-Terrorzelle ungehindert hat morden lassen, steht nun das NPD-Verbotsverfahren No. 2 bevor, und die CSU fordert es besonders laut. Doch anders als die anderen Parteien ist sie nicht nur gegen Nazis, sondern hat auch etwas Konstruktives anzubieten: jene n charismatischen Führerungspersönlichkeit, nach der sich alle sehnen, insbesondere die Medien. Sie werden ihn zum Kanzler hochschreiben, denn even bad publicity is good publicity für jemanden, der garantiert kein Nazi ist, sondern ein Transatlantiker wie aus dem Bilderbergbuch. Das hat er schon längst bewiesen, mit seiner Dissertation. An deren Zustandekommen gibt es zwar einziges auszusetzen; aber, so der Experte Norbert Bolz: "Wir müssen unterscheiden zwischen der akademischen Schuld und dem Zoon Politicon Guttenberg, der nach sehr vielen Jahren endlich mal wieder für viele Leute einen positiven Begriff von Politik verkörpert hat."

Nicht so differenziert wird von unseren Experten jene Band betrachtet, die den deutschen Saubermännern seit 1994 zeigt, was hinter ihrer Fassade steckt. So trug denn auch einer der Fans, die schon um 15 Uhr vor der Stadthalle ÖVB-Arena warteten, eine Jacke mir der Aufschrift Question Authority; ein anderer warb mit seiner Kluft ... neinein, eben nicht für den Heiligen Gral der Nazis, wie unsere Experten schreiben würden, sondern für einer jener Bands, über deren Stilrichtung bei Wikipedia nachzulesen ist:
In westlichen Ländern wird den meist männlichen, oft androgyn auftretenden japanischen Visual-Kei-Musikern häufig Homosexualität oder Transgender-Sein unterstellt. Der Gebrauch von Lippenstift, Haarstyling und weiblicher Kleidung erklärt sich jedoch einerseits aus fernöstlichen Schönheitsidealen und Kabuki-Traditionen und andererseits aus dem Bestreben, durch die Übersteigerung solcher Traditionen aufzufallen oder zu schockieren.
- und einer schließlich brachte alles auf den Punkt, indem er zu Ehren von Rammstein und ihres Sängers eine Narrenkappe trug:

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Dieser eine Junge, dachte ich, hat mehr von der Tradition der Rockmusik und von der in Deutschland meistgehaßten Band aller Zeiten begriffen als alle Kritiker zusammen.

O über diese Kritiker. Exemplarisch für all das, was sie schon seit Jahren über Rammstein verbreiten, ist ein Kommentar, den ich auf der Website von Radio Bremen fand. Er stammt nicht von irgendwem. Er stammt von einem Germanisten und Musikwissenschaftler, der 1952 geboren wurde und, so sollte man glauben, mit Sympathy For The Devil von den Rolling Stones aufgewachsen ist. Er stammt von einem Manne, der seine Dissertation über Medien und Popkultur geschrieben hat. Er stammt von Wolfgang Rumpf, der seit November 2001 die Musikredaktion des Nordwestradios leitet, Autor einer 2005 erschienenen Rockgeschichte ist und immer wieder einschlägige Vorträge hält. Der Kommentar, so werden ahnungslose Hörer glauben, könne also nur ein äußerst seriöser sein. Doch sogar ich war entsetzt, als ich gestern hörte, was am 29.11. über den Sender ging. Mein Entsetzen galt nicht Rammstein. Mein Entsetzen galt dem Bild von Rammstein, das da vermittelt wurde. Gewiß, man muß die Band nicht lieben. Man muß sie nicht einmal verstehen. Doch die Fakten sollten stimmen.

Schon am ersten Satz des Kommentars von Wolfgang Rumpf stimmt so gut wie nichts. In der Druckversion ist er mit Fragwürdige Anspielungen überschrieben und lautet:
Beim Konzert in Moskau vor einigen Jahren ließ Rammstein Gogo Girls in Minirock, weißer Bluse und blonden Zöpfen antanzen und bediente das NS-Klischee des BDM-Mädchens, das sich zu den martialischen Rockklängen der Band, die in Lederhosen auftrat, bewegte. Bei Rammstein wurde nie ganz klar, was Spiel mit NS-Klischees ist und was nicht – und die Frage bleibt offen.
Hier spricht der Experte ganz offensichtlich über diesen Auftritt. Man sehe sich das auf der DVD Völkerball veröffentlichte Video an. Die "Gogo Girls" sind nicht nur "Gogo Girls", sondern singen. Sie tragen allesamt keine Zöpfe und sind auch nicht wie BDM-Mädels kostümiert, sondern wie die einstigen Pionierinnen in der UdSSR und der DDR, nur ein wenig schlüpfriger; denn das Stück handelt von all jenen einstigen Komsomolzinnen, die sich nach dem Untergang der Sowjetunion Touristen zu prostituieren begannen. Was die Lederhosen in diesem Kontext zu bedeuten haben, braucht hier wohl nicht gesagt zu werden. Genug, daß für jeden, der über ein Mindestmaß an Wissen verfügt und das Video gesehen hat, keine Frage offenbleibt.

Auch der zweite Absatz enthält wieder einen Fehler. David Lynch hat Rammstein nicht für seinen Film gebucht, sondern nur zwei ihrer Stücke für den Soundtrack verwendet. Auch dies hat ein Kritiker zu wissen; denn mit diesem Soundtrack begann schließlich die weltweite Karriere der Band. Weiter heißt es:
Im Frühjahr 2012 steht eine ausgedehnte Tour durch die USA an. New Metal made in Germany, ein Exportschlager mit eindeutigen Verweisen auf NS-Emblematik, auf Leni-Riefenstahl-Ästhetik, auf Gewalt und andere Grenzbereiche und Tabus: Missbrauch, Tod, Kannibalismus. Dazu dann noch die zirzensische Nebel- und Pyrotechnikshow und wüste Riffs.
Abgesehen davon, daß die Schreibweise New Metal verrät, daß Rumpf mit der Szene nur wenig vertraut ist; abgesehen davon, daß sich Rammsteinstücke gerade nicht durch "wüste Riffs" auszeichnen, sondern durch rhythmisch und melodisch äußerst klare und präzis gespielte; abgesehen davon auch, daß Satire stets Tabus verletzt, - abgesehen davon erweckt der Text von Rumpf den Anschein, sämtliche Werke von Rammstein, also auch die Auftritte der kommenden TOurnee durch die USA, enthielten "eindeutige[n] Verweise[n] auf NS-Emblematik, auf Leni-Riefenstahl-Ästhetik". Das klingt nach Bildung und Gelehrsamkeit, hat jedoch nichts mit dem zu tun, was die Band tatsächlich bietet; von einer Ausnahme abgesehen: dem Video zu Stripped, das tatsächlich aus (im übrigen: NS-freien) Szenen des Olympiafilms von Leni Riefenstahl zusammengeschnitten wurde. Das ist nun 13 Jahre her; und wieder muß ich mich fragen, weshalb auch Rumpf es nur Rammstein vorwirft, nicht aber ihrem Regisseur Philipp Stölzl, der Rammstein seine Karriere verdankt und sechs Jahre nach Stripped auch für die Toten Hosen tätig war: also für jene Band, die stets als politisch korrektes Gegenstück zu den bösen Jungs aus Dunkeldeutschland galt. Wäre das legendäre Video zu Stripped wirklich so anstößig wie immer wieder behauptet, hätten Campino & Co. sich wohl kaum von Stölzl in Szene setzen lassen.

Doch weiter zum nächsten Absatz von Rumpf. Er ist überschrieben mit Provokation mit dem Grauen, handelt am Ende von Ramstein und beginnt wie folgt:
Der Fan kann beim Konzert oder im Rammstein-Internetshop Accessoires erstehen, und auch die sind nicht frei von moderner Deutschtümelei: Die Armbanduhr heißt "Germany", die Collegejacke "Weißes Kreuz" und der Ohrstecker in Rasierklingenform "Ich tu Dir weh."
Wer den Rammstein-Shop besucht, wird vergeblich nach einem solchen Ohrstecker suchen; die Rasierklinge ist ein Anhänger. Die "Collegejacke" wiederum ist eine Kapuzenjacke, die man sich hier genauestens ansehen kann: hier und auch an der Uhr von "Deutschtümelei" keine Spur. Doch, so endet der Absatz: "Rammstein provoziert mit dem Grauen." Zum Beweis wird die erste Strophe von Ohne dich eingespielt. Aha, so klingt das deutsche Grauen:
Ich werde in die Tannen gehn,
dahin, wo ich sie zuletzt gesehn.
Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land
und auf die Wege hinterm Waldesrand.
Diese Verse und die Melodie dazu sind gewiß provozierend. Sie provozieren dadurch, daß sie so zeitlos schön sind und in aller Welt als zeitlos schön empfunden werden. Hätten Rammstein nichts als dieses wunderbare Lied über Liebe, Verlust, Sehnsucht, Schmerz und Tod und die Hoffnung auf Neugeburt geschrieben: die Unsterblichkeit wäre ihnen sicher. Franz Schubert wäre heute einer ihrer größten Fans. Doch was schreibt der Kritiker?
Ewigkeitsphantasien wie die NS-Elite von einst, hat Rammstein auch im Angebot. Gerade wurde vor der O2-Arena in Berlin ein Rammstein Mausoleum eröffnet. Drinnen Dunkelheit, Kerzenschein, ein Kondolenzbuch und sechs Rammstein-Gipsköpfe. Also doch nichts für die Ewigkeit.
Dieser Schluß soll wohl eine Pointe sein; doch die ist völlig witzlos: währte doch das Reich der "NS-Elite", mit der er die Mitglieder der Band indirekt vergleicht, bekanntlich nur 12 Jahre. Auch war es nicht sonderlich beliebt. Rammstein aber gibt es seit bald 18 Jahren, und die Nachkommen der Alliierten von einst jubeln ihnen zu und singen ihre Lieder, so wie wir seit Elvis Presley, den Beatles, den Donkosaken und Edith Piaf mit Begeisterung die Lieder derer singen, von denen die Nazis sagten, sie seien unsere Feinde. Ein Widerhall auch dieser Lieder findet sich im Werk von Rammstein, deren letzte DVD auch denn auch konsequenterweise mit Völkerball betitelt wurde. Auch deren Cover, meinten manche Kritiker, sei ein Beispiel für faschistische Ästhetik. Tatsächlich aber handelt es sich, wie so vieles bei Rammstein, um sozialistische Ästhetik, gepaart mit der Ästhetik des alten Logos der Eurovision.
Als ich noch ein Kind war, wurde mir jedesmal ernst und feierlich und festlich und erwartungsvoll und glücklich zumute, wenn ich dieses Logo sah und die Musik dazu hörte. Ähnlich war es auch, als ich vorgestern in der Stadthalle ÖVB-Arena war und dieses Spektakel miterlebte:



Neinein, das alles muß man nicht lieben. Aber wenn man es nicht lieben kann, muß man es doch nicht gleich hassen. Wer es dennoch haßt, ohne sich je ernsthaft damit beschäftigt zu haben, der hat vielleicht vor lauter Angst angesichts des Grauens aus dem Osten seinen Kopf verloren.

Das las ich gerade auf tagesschau.de. Zitat:
Obgleich Kreisler nach Kritikermeinung einer der besten, tiefsinnigsten und vielseitigsten deutschsprachigen Kabarettisten war, wurde er oft boykottiert und ausgebootet.
Noch am letzten Freitag habe ich einer jüngeren Kollegin ein Stück von Kreisler vorgespielt. "Wer ist das denn?" fragte sie belustigt; und ich erzählte ihr von diesem bedeutenden Singer/Songwriter und sagte, ich wünschte mir einen Radiosender, der wie selbstverständlich Kreislers Stücke spielt, zwischen älteren und neueren Stücken aus der Rockmusik. Die allermeisten Deutschen wüßten gar nicht, was alles auch in den letzten Jahrzehnten an Gutem in deutscher Sprache erschienen sei. Meine Kollegin nickte verdutzt. Vielleicht war sie die letzte Bremerin, die gerade noch rechtzeitig vor seinem Tod erfuhr, daß es Georg Kreisler gebe, der sicherlich auch heute wieder singen würde, was er als sein vorletztes Lied gesungen hat.

Und hier noch eines seiner Lieder, das mich an den Skandal um das inzwischen nicht mehr indizierte letzte Album von Rammstein denken läßt; speziell an Ich tu dir weh. Kreisler war noch schlimmer:



Und er hat das R gerrrollt. Der alte böse Georg Kreisler. Was man ihm wohl heute unterstellen würde, wäre er in Ostdeutschland geboren und sänge er in einer Metal-Band. - Eine gewisse Verwandtschaft wurde schon erstaunlich früh bemerkt:

R-GK

Das schrieb ich am Freitag. Eben erwähnte ich nebenbei etwas über den den Zusammenhang zwischen Popkultur und Gewalt. Und was las ich Minuten später? Ermittler fanden fast 30.000 Euro in Schließfach. Darunter ein Foto eines mutmaßlichen Unterstützers der Neonazi-Zelle. Unterschrift: Das jüngste Bild von Holger G. in Karlsruhe: "Das letzte Gefecht" von Stephen King.

Darüber mag sich wundern, wer will. Ich wundere mich nicht. Und erst recht werde ich mich nicht wundern, wenn schon bald Leute kommen und Böses über Stephen King behaupten. Ich habe das Buch gelesen. Es ist so wenig eine Aufforderung zu irgendeinem letzten Gefecht wie die neue Single von Rammstein eine zur Vertreibung von Migranten. Man muß schon sehr dumm sein, um vom Titel eines Kunstwerks, das man noch nie gesehen hat, auf dessen Inhalt zu schließen. Viele Leute sind so dumm: ob Neonazis oder Antifanten. Und immer mehr Qualitätsjournalisten sind geistig nicht mehr in der Lage, einen noch so kurzen Text oder ein noch so kurzes Video richtig zu verstehen, korrekt zu zitieren und zu beschreiben. Deshalb wird es bald auch immer mehr vermeintlich Gebildete geben, die nach dem Zensor rufen, sofern sie ein Kunstwerk vor sich haben, also ein Gebilde, das mehr zuläßt als nur eine einzige Interpretation, und zwar die jeweils politisch korrekte. "Es gibt in unserem Land eine Subkultur, die sich auf solche Texte ihren eigenen Reim macht", werden sie mit der besorgten Christina Hoffmann mahnen. Schluß also mit allem, worauf sich die Menschen, welche auch immer, ihren eigenen Reim machen könnten. Schluß mit allem Denken; denn wer zu denken wagt, der kann auf Abwege geraten. Schluß also mit allem, was zum Denken anregt. Schluß daher mit der Kunst.

Damit es so weit kommt, muß nicht sehr viel Geld fließen. Es muß nur noch mehr gespart werden, in den Schulen und an den Universitäten: bis nicht einmal mehr Bücher wie Das letzte Gefecht oder Songs wie Mein Land geschrieben werden. Dann endlich scheint die Sonne jeden Tag, und unser aller Leben wird eine einzige Beach Party sein.


Was das ist, weiß heutzutage kaum noch einer, und manche, die noch wissen, was es in unserer Kultur mit dem 31. Oktober auf sich hat, wollen es nicht mehr wissen. Sie feiern lieber Halloween, zur großen Freude derer, die seit den 90er Jahren auch bei uns damit Kasse machen. Ich hingegen liebe es, an diesem Tag und im November die alte kraftvolle Musik der Lutherzeit zu hören. Sehr verwandt damit ist diese Hymne, die inzwischen aus der Bremer Occupy-Bewegung hervorging:
Tja, es gibt mal wieder so einiges zu reformieren. Möge es gelingen.


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