APO # 2
Blogmist
Creative Creationists
Das totale Europa
Dead Souls
Der real existierende Feminismus
Deutsches Sprak
Deutschland einig Merkelland
Dialoge vorm TV
Die Antiquiertheit des Menschen
Die letzte Wahl
Einfall statt Abfall
Erfreuliches
Experten
Fotografitis digitalis
Frau Franken
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

 

Frau Franken

fragte ich Frau Franken aus Hamburg gegen Ende unseres gestrigen Telefonats. "Jahe", sagte sie, "von meiner Physiotherapeutin die Tochter, die hat sich ja jetzt auch umgebracht."

Ich dachte sofort, was ich immer denke, wenn ich so etwas höre. Und so wars denn auch. Sexueller Mißbrauch, selbstverletzendes Verhalten, Psychiatrie; und der Täter wurde niemals angezeigt.

Ja, ganz recht: Frau Franken hat mich einmal wieder besucht; und weil ich weiß, daß SIE unter meinen Lesern mindestens 1 Fan hat, erstatte ich hiermit einen kurzen Bericht, während es draußen nach Wochen einmal wieder regnet unentschieden vor sich hintröpfelt.

Daß ich SIE diesmal erst am Sonnabend empfing, hatte einen Grund, den alle nachvollziehen können, die SIE kennenzulernen jemals die Ehre hatten oder aber ein ganz klein wenig von Astrologie verstehen. SIE ist nämlich Löwe Asz. Löwe, und was man diesen Menschen nachsagt, gilt für SIE bis zum Exzeß:
Bei schwierigen Konstellationen kann sich Unsensibilität und Prahlerei bemerkbar machen.
Ich wollt' am Freitagabend zu der Ausstellungseröffnung einer von mir sehr geschätzten Künstlerin, deren neue Arbeiten gerade in der Friesenstraße 30 zu sehen sind; Grund genug also, Frau Franken nicht die Gelegenheit zu geben, sich in IHREM ganzen Glamour und IHRER gewissen Naivität zu präsentieren und mich für immer zu blamieren. Also saß SIE und ich am vorgestrigen Nachmittag friedlich auf meinem Balkon, und SIE hub an zu reden, jahe:
Aah, ich baue jetz auch ab. Seit 2 Wochen habbich eine Lesebrille. Ich bin so genervt.
Was SIe nicht daran hinderte, mir Minuten später etwas über die gesunde Ernährung unserer Altvordern zu erzählen, insbesondere über das klassische Schwein im Mittelalter; ein anregendes Thema, das SIE derart geräuschvoll in Szene setzte, daß ich zusammenschrak: Frau Franken! - woraufhin SIE ungerührt verkündete:
Mensch, ich pupse, und das stinkt immer so, das tut mir aber leid, das habbich schon seit Jahren nich gehabt.
Nur gut, daß ich außer dem Geräusch nichts mitbekommen hatte und mich daher wie gewohnt an IHREM Redestil erfreuen konnte:
Überall und ständig Loite, die sich am Umbringen waren.
Ja, so war das einst im Mittelalter. Wichtiger jedoch schien IHR das eigene:
Ich komm jetzt in dies Alter, wo man anfängt, sich zu schminken, weil man das mit natürlicher Schönheit nich mehr rausholen kann. Weil der Lack ab iss. Au Mann. Bin alt.
Was SIE nicht daran hinderte, tags darauf 1 1/2 Stunden an einem Vorgartenzaun zu stehen und sich mit der Besitzerin dieses Hundes anzufreunden, der sich jedoch partout nicht knipsen lassen wollte, obwohl es mittlerweile schon 2:0 für Werder stand. Also mußt' ich mir die Zeit damit vertreiben, mich anderen Motiven zu widmen, nach denen man im Steintor auch nicht suchen muß; - und also knipste ich, während SIE mit der Hunde- und Hausbesitzerin Freundschaft schloß, was mir unter oder über die Augen kam; bis SIE um 18 Uhr verkündete: "Jahe, und beim nächstenmal, wenn ich wieder in Bremen bin, dann besuchen wir ..." "Ich heiß Sieglinde", sagte Rudis Frauchen; und dann endlich gingen wir zu Torno am Sielwall, wo SIE sich nicht entbrechen konnte, mit dem morgenländischen Pizzabäcker anbandeln zu wollen: was IHR jedoch, Allah sei gepriesen! ausnahmsweise gründlich mißlang, so daß wir bereits um halb acht wieder zu Hause waren und SIE auch sogleich wieder nach Hamburg fuhr, wo SIE, wie SIE sagte, oft gar keine Lust mehr habe, so viel zu reden, sie werde ja alt.

Davon aber hab ich nix gemerkt.

Obwohl ich nicht zu denen gehöre, die ihren Geburstag zu feiern pflegen, lege ich aus Prinzip allergrößten Wert darauf, daß gewisse Freunde ihn zur Kenntnis nehmen. Dies gilt auch für Frau Franken.

Mit dieser Person bin ich, wie manch einer meiner Leser sich erinnern wird, schon sehr lange befreundet; nämlich seit bald 30 Jahren. Gestern nun, einen Tag nach meinem Geburtstag, rief SIE mich abends an, vom Handy ihres neuen Mitbewohners Giovanni aus; denn: "Jahe, ich kann damit umsonst telefonieren." Aha. Na, fragte ich, was iss denn nuu mit mei'm Geburtstach? Woraufhin SIE: "Jahe, ich weiß natürlich, daß du irgendwie Geburtstag hast."

Wer? Frau Franken; wer sonst. Und bis zuletzt war SIE so zahm, daß es hier nix von alledem zu erzählen gibt, was ihre Fans erwartet haben mögen. Dies jedoch heißt nicht, daß es gar nix zu erzählen gäbe. Aber ich werd den Teufel tun und hier alles breittreten. Denn Frau Frankens Würde ist und bleibt unantastbar. Und ich bin und bleibe mit Frau Franken befreundet.

in ihrer Gloria: Frau Franken mitsamt ihrem Auto, das SIE wg. Hartz IV nicht mehr lange wird fahren dürfen; denn es ist noch 8000 € wert, zuviel also für eine Arbeitslose, aber das nur nebenbei, wie auch dies: daß Frau Franken gleich zu Beginn eines ihrer vielen Bewerbungsgespräche gefragt wurde, welches Tierkreiszeichen sie sei. "Löwe?" sagte die Chefin. "Nein, das geht nicht. Da wären Sie zu dominant für unsere Firma."

Ha! Frau Franken ist nicht nur Löwe, sondern sogar Löwe/Löwe; ein Ausbund an Dominanz. Aber sie hat auch Herz. So etwa brachte sie mir den guten Knochenschinken vom Ottenser Markt mit; und zwar den von Wolfgang Dopke aus Garstedt. Doch Frau Franken hat nicht nur Herz, sondern auch eine Katze namens Katze, die den Schinken ebenso schätzt wie ich. Immerhin hat sie ihn nicht ganz aufgefressen: was darauf hindeutet, daß sie nur Löwe ist.

Abgesehen davon, daß Frau Franken vor Ekel aufschrie, als ich ihr nach meinem exquisiten italienischen Milchkaffee und frischen Erdbeertörtchen ein dunkles Paulaner Hefeweizen anbot, iiih! wie das schon riecht! bä! brrr! - abgesehen davon auch, daß sie vorm Schlafengehen schrie, iiih! da iss ne Schnake! iiiih! die saugen Blut! - abgesehen davon hat SIE sich recht brav betragen, wenn auch ihren größten Fan unter meinen auswärtigen Lesern noch nicht zurückgrüßen lassen, da SIE mir zunächst von ihrem dreistündigen Autobahnbaustellenslalom berichten mußte, von neuen Windkraftwerken vor den Toren Bremens sowie einem neuen Begrüßungsschild: Herzlich willkommen in der Stadt der Wissenschaften oder so; wahrscheinlich, sagte ich, stehe dort Herzlich Willkommen.

Nun zwitschert schon das Federvieh, Frau Franken schlummert neben einer erschlagenen Schnake*; und auf meinem Küchentisch, an dem wir den Abend verbracht haben, liegt der Ulysses im Original sowie in der Wollschläger-Übersetzung, dazu mein altes Exemplar von Finnegans Wake; denn, jahaa!Frau Franken wäre nicht Frau Franken, könnte man sich mit ihr nicht über alles unterhalten. Das tu ich nun immerhin schon seit 29 Jahren. Vermutlich liegts an meinem Löwe-Aszendenten.


* "Ich saß am Schreibtisch meines Gästezimmers, es war Mitternacht, und ich war beinahe wunschlos glücklich. Zwei Bienenwachskerzen flackerten, ein Langbein, Professor, Schneider oder Weberknecht (Luise nannte das große Insekt mit dem langen Leibe Schuster, so wie ich) knisterte durchs geöffnete Fenster, und draußen übertönten die Grillen das Plätschern der Quelle im Garten, dessen frischer Muff den nahenden Herbst verriet." (Quelle? - : den Roman kennt eh kein Schwein.)

Das Telefon klingelte. Ich nahm - ja! ich besitze noch ein schönes grünes Siebzigerjahreteil mit echtem Klingelton! - den Hörer ab und sagte, was ich immer sage, wenn ich mit Frau Franken rechne. Ich sagte, würde Judith Hermann jetzt sagen: Jahe, sagte ich, ich bin auch betrunken. Frau Franken sagte: Jahe, sagte sie, sie würde später kommen, weil, sie würde ihr Auto verliehen haben, das würde noch nicht da sein, jahe, und außerdem würde Hossein noch kommen, weil, sie würden vor einer Stunde verabredet gewesen sein, aber er wäre nicht gekommen, weil, er würde erst eine Stunde später kommen, und dann würde sie noch Füsch haben, den würde sie dann kochen müssen, weil, der Füsch würde ja sonst schlecht werden, jahe, sagte Frau Franken, sie würde schon ganz genervt sein, weil zwei Loite sie versetzt haben würden, sagte Frau Franken, ohne die in ein paar Minuten niemand am Computer sitzen und Warten auf Frau Franken lesen würde.

mögen es kaum erwarten können, dem Führer von Lummaland gegen eine Gebühr von 189 € ihr Wahlsieg Hi! zurufen zu dürfen und nach einem Freß- & Saufgelage Dinge zu treiben, die nur Genosse Semmel zu benennen wagt; ich hingegen kann es kaum erwarten, Frau Franken wiederzusehen, die gestern abend ihren Besuch bei mir angekündigt hat. Ihre Fans jedoch mögen nicht vorzeitig in Jubel ausbrechen; denn bei mir zu Hause ist Frau Franken meist recht zahm: was daran liegen mag, daß ich SIE stets ordentlich bewirte; und neben ihrem Teller liegt sogar stets eine Serwirte. Den ersten Fauxpas jedoch hat SIE sich schon wieder geleistet.

Auf meine Frage, wer denn am Wochenende für ihre Katze sorge, meinte SIE, die Katze komme schon allein zurecht. Wie sich die Katze namens Katze allerdings mit frischem Futter versorgt und frisches Wasser in den Napf gießt, wußte Frau Franken mir nicht zu sagen. Um so mehr wird sie mir ganz gewiß über Hossein, Nennad, Gorjana, Gordana, Jasminka, Sonja und Radmilla sowie über ihre Erfahrungen mit Massage & Lymphdrainage zu erzählen wissen.

Herr Flickert übrigens ist vor einigen Wochen gestorben. Er scheint es nicht mehr ausgehalten zu haben, mit einer Frau befreundet zu sein, die mit Frau Franken befreundet ist.

Ich bin wieder zu Hause, nach einem frugalen Frühstück mit Frau Franken, nach deren spartanisch eingerichteter Wohnung mitsamt der Katze namens Katze ich mich heftig zurücksehne; denn nicht nur dem Papst geht es schlecht, sondern auch dem 80jährigen Vater eines alten Kumpels: ich hätte mich, schnauzte er eben, in einer E-Mail an seinen Sohn über ihn lustig gemacht, was natürlich nicht stimmt, jaja, diese verrückte Sprache! blaffte der Greis und knallte den Hörer so heftig auf die Gabel, daß ich nun um seinen Arm fürchten muß, während sein bei ihm zu Gast weilender Sohn die Enkelkinder spazierenführt und nicht ahnt, daß ich mein heutiges Beck's mit ihm zusammen trinken und des einzig wahren Dirty Harry gedenken und über Frau Franken lästern will, nicht ohne zu sagen, was ich immer sage, wenn ich bei Frau Franken zu Besuch war und ihre Gastfreundschaft genossen habe: Frau Franken ist entsetzlich, aber sie muß sein.

Zu den allgemein anerkannten Gepflogenheiten des Gastgebertums zählt es, den letzten Tag, zumindest aber den letzten Abend mit jenen zu verbringen, die man eingeladen hat, da man sie unbedingt hat wiedersehen wollen. Dies weiß auch Frau Franken. Doch sie wäre nicht Frau Franken, handelte sie so, wie zu handeln sich besonders für jene frommt, die sogar bei anspruchsvollen Jesusfilmen schniefen. Frau Franken ist eben eine Individualistin. Gestern abend trieb sie Gymnastik, um sodann ihrem neuen Froind Hossein eine Bewerbung zu schreiben, nachdem wir zusammen gegessen hatten, und dafür zu sorgen, daß sie getrost mit Hossein würde schlafen können: indem sie mich zu ihrem Ex-Froind (einem Bukowski-Typ namens Rolf; nicht zu verwechseln mit Nennad, ihrem Noch-Ehemann) fuhr, der bereits vor der salonmarxistischen Eckkneipe Karl & Rosa auf mich wartete, um endlich wieder einmal so richtig über SIE lästern zu können. Heute morgen war SIE selbstverständlich nicht zu Hause. Heute abend war SIE noch immer nicht zu Hause. Doch während ich dies schreibe, kommt SIE, wie auch das Essen im Restaurant kommt, sobald man sich eine Zigarette angesteckt hat. SIE lacht. Die Katze namens Katze springt auf ihre Schulter und hackt auf ihr herum. SIE jault: "Aua! Das tut weh!" "Ich hab die so dressiert", sage ich mit sadistischem Vergnügen. Doch Frau Franken wäre nicht Frau Franken, gäbe sie sich nun geschlagen. Sie kämpft mit ihrer wirksamsten Waffe: dem Reden. Sie sitzt schon wieder im Flur, den Telefonhörer ans Ohr geklemmt, und redet mit Loiten.

[Und ich bin so edel, jetzt nicht per Modem ins Netz zu gehen. Ich warte. Es ist 23:48, und ich warte schon seit 10 Minuten. "Iss irgendwie Tee für mich da?" fragt SIE; denn SIE möchte statt Wein lieber Früchtetee von BioBio. "So, jetzt könn'n wir in die Küche gehen", sagt SIE. Es ist 23:55, SIE klagt über Hunger, und ich stelle meine Klage online. Ihr Brot soll SIE sich gefälligst selber schmieren.]

Gestern hat sich Frau Franken als gute Seele erwiesen und mich ins Kino eingeladen: zu Pasolinis Jesusfilm, bei dem sie jedesmal aufs neue heftig schniefen muß, während ich jedesmal rekapituliere, wann ich zuletzt der unverstandene Prediger war. Beim Ostermontagsbrunch, dachte ich, als eine Frau (Typ gestreßte Waldorfmutter) mit einem 14jährigen dümmlich dreinblickenden Balg den Kinosarg Kinosaal betrat. Jetzt bin ich Jesus, dachte ich, als das Balg noch immer nicht begriffen hatte, daß das Matthäusevangelium kein Manga ist, und die Mutter noch immer nicht begriffen hatte, daß ein Filmtheater keine Sonderschule für hyperaktive Kinder ist. Wer jedoch daran zweifelt, daß Il vangelo secondo Matteo ir-gend-wie auf solche Gören wirkt, der hätte es hier studieren können. Der Gekreuzigte war gerade auferstanden, als der tumbe Teenager voller Abscheu den Klappsitz links neben sich nach unten bog und gegen die Lehne schnappen ließ, noch einmal und noch einmal, und dabei eingeschnappt in unsere Richtung sah, das kleine Krokodil. Als ich nicht den Mut aufbrachte, ihm die Baseballkappe vom Kopf zu reißen, hineinzukotzen und sie der Mutter aufzusetzen, ward mir klar: Ich bin nicht Jesus. Und wäre ich jemals Jesus gewesen, dann hätte ich mich für diese Menschheit nicht an den Marterbalken nageln lassen. Oder doch? Denn Frau Franken ist zwar entsetzlich, aber sie muß sein. Immerhin schnieft sie seit 30 Jahren bei Pasolinis Jesusfilm, daß Gott erbarm.

  Erdstrahlenfreie Webseite!






twoday.net AGB

powered by Antville powered by Helma

xml version of this page

xml version of this topic

nolist