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Fotografitis digitalis

habe ich schon oft erlebt. Fast zur selben Zeit, als ich diesen Artikel mitsamt dem Foto einer am 2. Oktober 2010 in der Bremer Innenstadt explodierten Rauchbombe online stellte, hat es im Regierungsviertel von Oslo eine schwere Explosion gegeben: von der anzunehmen ist, daß es sich um einen Anschlag handelte.

Wer auch immer dahintersteckt: die Folgen sind bereits absehbar. Das Europa der Zukunft wird kein freies Europa sein, unter welchem Vorzeichen auch immer.

Aber jetzt werd' ich was essen. Genießen können werde ich das freilich nicht. Manchmal wäre es besser, keine Nachrichten zu lesen und auch keine zu verbreiten. All das macht meistens nur schlechte Laune, und die Toten macht es nicht lebendig.

Eine bemerkenswerte Geschichte kam mir gestern zu Ohren. Auf der Straße sah ich eine Bekannte aus alten Tagen mit ihrer Digiknipse hantieren, und wir gerieten ins Gespräch über unser beider Steckenpferd, die Street Photography, und die erst kürzlich entdeckte Straßenfotografin Vivian Maier. War sie respektlos, als sie durch New York und Chicago streifte und Tausende von Menschen fotografierte, ohne sie zuvor um Erlaubnis gebeten zu haben? Ihr Fotoapparat diente ihr ja nur als externes Speichermedium; sie hat ihre Bilder niemandem gezeigt oder gar öffentlich ausgestellt. Und wenn sie das getan hätte?

Darüber, so fanden wir, könne man durchaus unterschiedlicher Auffassung sein, so wie letztlich über jedes Kunstwerk, worin ein ganz bestimmter Mensch für andere wiedererkennbar sei. Wer solche Werke (also unzählige Zeugnisse der bürgerlichen und nachbürgerlichen Kultur) kategorisch ablehne, müsse konsequenterweise alles ablehnen, was der Erinnerung an einen Menschen und dessen Leben diene, bis hin zur letzten Anekdote. Was aber wären wir ohne die Erinnerung? Und was wären wir ohne die gegenständliche Kunst? Sogar in der traditionell bilderfeindlichen Kultur des Islam, sagte meine Bekannte, seien die Gelehrten schon sehr früh unterschiedlicher Meinung gewesen. Die einen wollten jede Darstellung von Mensch und Tier verboten sehen, die anderen hielten sie für erlaubt, sofern die Menschen oder die Tiere nicht vollständig dargestellt seien. Das habe sie erst kürzlich bei Wikipedia gelesen. Aber nun, sagte sie, wieder zurück in unser Leben. Isses nich verwunderlich, daß fast alle Leute, wenn sie einen Straßenfotografen sehen, ihm zuliebe stehenbleiben, um nur ja nicht sein Bild zu verderben? Gerade eben jdoch, sagte sie, sei ihr folgendes widerfahren:
Ich geh da so am Osterdeich entlang und sehe bei der Unterführung zu den Wallanlagen eine Parole, die ich noch nie gesehen hatte, sowas Feministisches mit Schwanz, ziemlich verblaßt schon, die Buchstaben. Das muß ich knipsen, denk ich mir und stehe da und warte, bis das Licht wieder günstig ist. In diesem Augenblick sehe ich eine männliche Gestalt, und ich denke: Wäre ja ein noch besseres Bild, ein Mann tritt diesen blöden Spruch mit Füßen. Also knips ich seine Waden, mit der Hose drum und den Füßen unten dran. Da kommt der auf mich zu und fragt, was ich da fotografiert hätte. Ich zeige ihm das Foto, und er besteht darauf, daß ich es lösche. Hätt ich eh getan, denn es war nicht so geworden, wie ich es haben wollte. Also sach ich ihm das freundlich, aber auch, daß es nicht verboten sei, solche Fotos zu machen. Woraufhin mir dieser Typ dennoch einen Vortrag hält. Er zeigt auf meinen Button gegen die Atomkraft und sagt, Respekt gegenüber der Natur fange beim Menschen an, wo dieser Respekt fehle, sei alles nur Schauspielerei, es gehe ihm nicht um das Foto, er sei ohnehin eine Person des öffentlichen Lebens, es gehe ihm um den Respekt. Und was tut er währenddessen? Sticht die ganze Zeit mit seinem Zeigefinger auf mich ein, obwohl ich längst dabei bin, vor seiner Nase das Bild zu löschen. Wie findste das?
Na wie wohl, sagte ich. Typisch deutsch und 50er Jahre, diese Prinzipienreiterei und diese Unsitte, allen, die aus der Reihe tanzen, mangelnden Respekt zu unterstellen und Vorträge über Anstand und Benimm zu halten. Und das auch noch einer Frau in deinem Alter! Was zum Teufel war denn das fürn Typ?

Tjahaa, sagte meine Bekannte. Was war denn das fürn Typ? Das war ein Afrikaner, und zwar ganz offensichtlich einer aus der akademischen Mittelschicht. Also alles andere als ein typischer Deutscher aus den 50er Jahren. Ich war also die Dumme. Denn ich war respektlos einem Migranten gegenüber. Eine Todsünde hier im Viertel, auch für eine Frau. Trotzdem oder gerade deshalb war ich sauer auf mich. Wie hab ich nur so blöd sein können, das Foto zu löschen? Der Typ muß mich ja viel früher gesehen haben als ich ihn, er muß die Parole auf dem Weg gesehen haben, und daraus hätte er schließen können, um welches Motiv es mir ging. Er hätte also ganz einfach einen kleinen Bogen um mich machen oder mich ansprechen können. Aber nein. Er hat es darauf ankommen lassen, daß ich zumindest seine Beine mit auf das Foto kriege. Also habe ich geknipst.

Naja, du hättest eben warten müssen, sagte ich. Er hat nun mal geglaubt, er hätte Vorfahrt. Und das nicht nur als Mann, sondern auch, wer weiß! vielleicht als streng muslimisch erzogener Mann. Das hättest du bedenken müssen.

Hätt ich auch getan, in Afrika, sagte meine Bekannte. Aber hier am Osterdeich?

Ja, auch hier am Osterdeich, sagte ich. Die kulturelle Vielfalt hat nun einmal ihre Tücken. Nach außen hin ist alles bunt und fröhlich, aber hinter der Fassade wird alles immer grauer und immer trister, so grau und trist wie in der Nachkriegszeit. Was damals im Alltag als unschicklich galt, wird jetzt wieder unschicklich. Das ist die Renaissance des deutschen Spießertums, nur unter anderem Vorzeichen. Es gibt sich ganz gesundheitsbewußt, ökologisch und total kultursensibel.

Und wir Frauen kriegen diese Sensibilität zuerst zu spüren, seufzte meine Bekannte.

Ob sie damit recht hat, weiß ich nicht. Doch wenn ich sie einmal wiedersehe, werde ich ihr erzählen, was ich soeben entdeckt habe: nämlich einen schon 2005 erschienenen NZZ-Artikel über den New Laddism in Großbritannien, wo neben diesem neuen Mackertum auch die alten Benimm-dich-Regeln wieder hoch im Kurs stehen, ganz so wie bei uns seit dem Verkaufserfolg des in den Feuilletons gefeierten Buchs Manieren, geschrieben von Seiner Kaiserlichen Hoheit Dr. Lij Asfa-Wossen Asserate. "Asfa-Wossen Asserates Buch wurde in einigen Feuilletons als Angriff auf die Generation der '68er' gewertet", heißt es bei Wikipedia. Und während ich dies tippe, fällt mir ein, wem dieser Bestseller ganz gewiß als roter Teppich diente: keinem anderen als dem deutschen Freiherrn mit dem langen Namen und dem Gel im Haar und der wunderbaren Gabe, völlig unbewußt aus vielen Texten (e pluribus) einen einzigen (unum) neuen erstellen zu können. Aber das ist eine andere Geschichte, wenn auch diesmal wirklich eine typisch deutsche, begonnen in den Jahren 1910 bis 1913, fertiggestellt und erschienen 1954, zu jener Zeit also, da es in diesem Lande noch keine Mannweiber gab, die feministische Sprüche auf Spazierwege schmierten oder gar, ohne vorher gefragt zu haben, Herrenwaden fotografierten, mit ner Hose drum und beschuhten Füßen unten dran.

fnes

Dieses Foto stammt nicht von meiner Bekannten, sondern wurde einige Stunden später von mir angefertigt, etwa an derselben Stelle und unter Berücksichtigung aller Aspekte der Kultursensibilität. Das wenigstens hoffe ich. Denn heutzutage wimmelt es ja überall von unsichtbaren Fettnäpfchen.




Prostern!

Meine Leserinnen und Leser werden bemerkt haben, daß es hier seit heute die Rubrik Fotografitis digitalis gibt. Das klingt nach einer Krankheit, und tatsächlich betrachte ich das ständige Fotografieren auch als eine immer weiter um sich greifende Volksseuche. Was etwa soll man von jemandem halten, der Babybesuch hat und, anstatt mit dem Säugling zu spielen, es stundenlang als Objekt benutzt, um seine neue Kamera auszuprobieren? Das grenzt an Kindesmißbrauch. Nicht minder bedenklich ist es, daß manche Leute jeden Spaziergang und jeden Urlaub als Foto-Tour bezeichnen und sich für Künstler halten.

Ich hingegen werde mich mit meiner neuen Aldikamera nicht auf Foto-Tour begeben, sondern sie wie ein Notizbuch immer bei mir tragen, um zu dokumentieren, was ich für überliefernswert halte. So machen es nun schon seit Jahren die Antville-Fotoblogger, denen ich hiermit meine härtzlichstän Grüße entbiete, im Bewußtsein der Bedeutung ihres verdienstvollen Schaffens zumal für die Hansestadt Bremen, die in 100 Jahren auf dem Grund der Nordsee liegen wird. Späteren Generationen werden unsere Artefakte dann so erscheinen:


Weil ich schon jetzt in die Zukunft blicken und ein Bild davon machen kann, halte auch ich mich insgeheim für einen bedeutenden Fotokünstler. Die Galeristen werden mir zu Füßen liegen.


Neuerdings arbeitet Max Goldt auch als Gartenarchitekt.


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