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APO # 2


Bereits seit Stunden höre ich, am Schreibtisch sitzend, den Deutschlandfunk; und bereits seit Stunden sind die Zustände in Birma das Thema No. 1. Die Dissidentin Aung San Suu Kyi, einst 15 Jahre inhaftiert, wegen ihres Kampfes für Demokratie in Birma, ist nun endlich frei.

Im Mittagsmagazin wurde soeben ausführlich darüber berichtet. Thema No. 2 war die Rente mit 67, Thema No. 3 war Irland, Thema Nr. 4 waren die USA, Thema No. 5 war der Irak. O-Ton eines Interviewten: "Die da oben stopfen sich doch nur selbst die Taschen voll." Thema Nr. 6 ist Nordkorea, Thema No. 7 ist Haiti, und jetzt folgt die Presseschau.

Während ich das alles höre, denke ich unentwegt an jene Tage, da ich noch Radio DDR empfangen konnte und die Nachrichten sehr ähnlich klangen. Man gab sich international, man gab sich demokratisch, man gab sich solidarisch mit allen Unterdrückten und berichtete von ihrer Wut, ganz so wie heute, 21 Jahre nach dem Mauerfall. Wer dieses Mittagsmagazin gehört hat, der weiß nichts davon, was in unserem Lande vorgeht. Zwar wurde in den Nachrichten bereits erwähnt, der DGB haben zu Demonstrationen gegen die Politik unserer Regierung aufgerufen; doch angesichts der meldungen aus aller Welt fällt das nichts ins Gewicht. Bei uns demonstriert ja täglich irgendwer gegen irgendwas. Viel eindrucksvoller ist es, wenn wir hören, was vorhin in einem Interview aus dem Irak gesagt wurde: "Die da oben stopfen sich doch nur selbst die Taschen voll."

Ja, so ist es im Irak, aber auch in Birma. Und bei uns?

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Wer wissen will, was wirklich los ist, sollte also mal bei Twitter kucken. In Stuttgart demonstrieren gerade 40.000 Menschen, in Nürnberg 30.000, in Dortmund über 14.000. Das jedoch scheint nicht wichtig zu sein. So sieht in diesem Augenblick mein Newsfeeder aus:

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Je nun, die Zahl der Demonstranten wird von den Veranstaltern meistens übertrieben, so wie die Polizei untertreibt. Vielleicht demonstrieren heute auch nur 50.000 Menschen; vielleicht haben vor ein paar Tagen in Hannover auch nur 10.000 demonstriert; vielleicht waren es am letzten Wochenende in Gorleben nur 30.000 und nicht über 50.000 und ein paar Tage zuvor in Dresden nicht 12.000, sondern nur 5.000. Doch das sind Zahlen, nichts als Zahlen, die beliebig manipulierbar sind. Und all die Manipulationen ändern nichts an der Realität: daß immer mehr Menschen immer öfter auf die Straße gehen und sich ihr Protest immer stärker nicht nur gegen das eine oder das andere richtet, sondern gegen das gesamte System. Denn: "Die da oben stopfen sich doch nur selbst die Taschen voll."

So war es nicht nur in der DDR, so ist es nicht nur im Irak, so ist es nicht nur in Birma a.k.a. Myanmar. So ist es auch bei uns. Und wie in all diesen Ländern ist den Mainstream-Medien nicht zu trauen, schreibe ich und lese zwischendurch einen Tweet aus Erfurt:

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In meinem Newsfeeder indes hat sich noch nichts verändert. Es scheint Ruhe zu herrschen in Deutschland, 21 Jahre nach dem Fall der Mauer.

[Nachtrag] Noch aber leben wir in einem Land, wo gelegentlich sogar in den Mainstream-Medien anderes zu hören ist als das Übliche. So etwa wurde gestern morgen im Deutschlandfunk das von einem anonymen französischen Autorenkollektiv verfaßte Manifest Der kommende Austand (Bestseller besprochen, und zwar ohne jede Häme. Mehr darüber gibt es bei monoma zu lesen. Eine sehr skeptische Stimme zur Hoffnung auf Revolution war ebenfalls im Deutschlandfunk zu hören, und zwar hier. Auch ich zähle zu den Skeptikern. Doch immerhin spricht sich jetzt überall herum, daß etwas in Bewegung ist, und jeder kann es spüren. Noch sind wir keine Automaten. Und wir müssen alles tun, um niemals welche zu werden.

Mittlerweile meldet auch tagesschau.de, daß Zehntausende von Deutschen an diesem Tage nicht nur shoppen waren.

"Völlig unabhängig" von der Frage der Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke sei die Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle, sagt unser Umweltminister. Das erinnert mich an den Film Pappa ante Portas unseres geliebten Loriot. Um Geld für seine Firma zu sparen, bestellt der schlaue Pappa Unmengen von Papier, Kugelschreibern und Radiergummis, ohne an die Lagerung des Materials zu denken und schon gar nicht an die Fortentwicklung der Bürotechnik. Sein Chef ist entsetzt und feuert Pappa. Aber der ist stur. Im Ruhestand als Hausmann tätig, begeht er wieder den gleichen Fehler. Und ganz Deutschland lacht seit 20 Jahren über diesen liebenswerten Narren.

Auch Norbert Röttgen & Co. haben diesen wunderbaren Film sicherlich gesehen und herzlich darüber gelacht; nur daß sie nicht gemerkt haben, daß er auch von ihnen handelt, die jedoch nicht ganz so harmlos sind wie Pappa.

Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg.

Aber die Parteifunktionäre wissen natürlich auch, dass sie sich auf genügend Medien verlassen können, die ihr Spiel mitspielen und ebenso entrüstete Kommentare über die Gewaltbereitschaft einiger weniger schreiben.

Wer seit Jahrzehnten im Widerstand gegen die Atomlobby mitmacht, kennt diese alten politischen Rituale. Ein Trost ist immerhin, dass die immer weniger funktionieren.
Dies auch dank der Digitaltechnik. Jedem ist es heute möglich, alles zu dokumentieren, seine Fotos und Filme ins Netz zu stellen und damit eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Besonders eindrucksvolle Fotos der Aktionen am vergangenen Wochenende gibt es nun bei Greenpeace zu sehen.

"Völlig unabhängig" von der Frage der Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke sei die Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle, sagt unser Umweltminister. Das erinnert mich an den Film Pappa ante Portas unseres geliebten Loriot. Um Geld für seine Firma zu sparen, bestellt der schlaue Pappa Unmengen von Papier, Kugelschreibern und Radiergummis, ohne an die Lagerung des Materials zu denken und schon gar nicht an die Fortentwicklung der Bürotechnik. Sein Chef ist entsetzt und feuert Pappa. Aber der ist stur. Im Ruhestand als Hausmann tätig, begeht er wieder den gleichen Fehler. Und ganz Deutschland lacht seit 20 Jahren über diesen liebenswerten Narren.

Auch Norbert Röttgen & Co. haben diesen wunderbaren Film sicherlich gesehen und herzlich darüber gelacht; nur daß sie nicht gemerkt haben, daß er auch von ihnen handelt, die jedoch nicht ganz so harmlos sind wie Pappa.

*

"Gegen diese professionelle Art, unseren [sic] Demokratie zu demontieren, ist das, was die jungen wütenden Autonomen bei Demonstrationen tun, Kindergarten", schreibt die Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg.
Aber die Parteifunktionäre wissen natürlich auch, dass sie sich auf genügend Medien verlassen können, die ihr Spiel mitspielen und ebenso entrüstete Kommentare über die Gewaltbereitschaft einiger weniger schreiben.

Wer seit Jahrzehnten im Widerstand gegen die Atomlobby mitmacht, kennt diese alten politischen Rituale. Ein Trost ist immerhin, dass die immer weniger funktionieren.
Dies auch dank der Digitaltechnik. Jedem ist es heute möglich, alles zu dokumentieren, seine Fotos und Filme ins Netz zu stellen und damit eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Besonders eindrucksvolle Fotos der Aktionen am vergangenen Wochenende gibt es nun bei Greenpeace zu sehen.

[Nachtrag] Gegen 13 Uhr haben zwei Aktivisten bei Radio Freies Wendland berichtet, wie auf autonom zurechtgemachte Gestalten einem Polizeiwagen entstiegen. Ein Einsatzleiter soll zu Nebenstehenden gesagt haben: "Laßt die erstmal den Krawall machen für die Kamera." Und den wird es ganz gewiß geben, wenn es den Demonstranten nicht gelingt, die Provokateure zu erkennen und zu stoppen. Zwei dieser Leute wurden bereits fotografiert.

Und noch eine schöne Nachricht, übermittelt durch die Bäuerliche Notgemeinschaft. Eine über 80jährige Dame aus Hamburg hat 100 Paar Socken für die Demonstranten gestrickt. Heute kamen die beiden Pakete in Dannenberg an.

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Aber nicht an dieser Stelle. Deshalb notiere ich hier, daß sich vorgestern mittag ein Polizist aus Süddeutschland in seiner Dannenberger Unterkunft mit seiner Dienstwaffe erschossen und ein Polizeisprecher sogleich verkündet hat: "Ein Bezug zum Castor-Einsatz ist ausgeschlossen."

Blödsinn. Der Bezug ist schon durch den Ort und den Zeitpunkt gegeben, an dem der Polizist sich umgebracht hat; ein Polizist aus Süddeutschland, der Region von Stuttgart 21. Was immer diesen Mann privat belastet haben mag: er stand auch beruflich unter extremem Druck, dem er nicht mehr standgehalten hat. Wie groß dieser Druck auf Polizisten ist, geht sehr eindrucksvoll aus einem längeren Artikel hervor, der am 18. Oktober im Hamburger Abendblatt erschienen ist. Darin ist nicht nur von Gewissensqualen, dem Burn-out-Syndrom und hohen Suizidraten die Rede, sondern es wird auch ein 30jähriger Polizist mit folgenden Worten zitiert:
Ich weiß, dass wir bei brisanten Großdemos verdeckt agierende Beamte, die als taktische Provokateure, als vermummte Steinewerfer fungieren, unter die Demonstranten schleusen. Sie werfen auf Befehl Steine oder Flaschen in Richtung der Polizei, damit die dann mit der Räumung beginnen kann.
Was sie in Harlingen bald tun wird. Dort wird das Gelände ausgeleuchtet, immer mehr Gerätschaften werden von der Polizei dort hingeschafft, und jetzt, um 00:38 Uhr, meldet der Castorticker, daß mit der Räumung begonnen wurde.

Dies schreibe ich, im Warmen sitzend, Radio Freies Wendland hörend und voller Bewunderung für all die Menschen, die sich den Strapazen dieses Wochenendes und Wochenanfangs ausgesetzt haben und dem Risiko, verdroschen und vielleicht sogar lebensgefährlich verletzt zu werden. Meine Hochachtung gilt aber auch all jenen Polizisten, die sich trotz des chronischen Stresses, dem sie ausgesetzt sind, und trotz aller Propaganda nicht zur Gewalt gegenüber Demonstranten hinreißen lassen und vielleicht sogar ihren Dienst quittieren werden, bevor der Druck so groß geworden ist, daß sie sich vor einem der nächsten Einsätze gegen das Volk erschießen.

Kaum habe ich den Punkt gesetzt, grüßen die Radioleute alle am Einsatz beteiligten Polizisten und empfehlen ihnen die Seite www.castoreinsatz.110mb.com.

Schlag deinen Fernseher kaputt, singt Das Bierbeben gerade. Wie? Das Bierbeben? Ja, eine Band. Und wo wird das gesungen? Im Radio. Im Radio Freies Wendland.

Ja, ich gebe zu, daß ich zu Hause sitze. Ich war noch nie ein Typ für Festivals oder Massendemos in der Pampa. Aber ich war schon immer solidarisch mit all den Demonstrationen. Und auch seit gestern wieder bin ich im Geiste dabei, indem ich bei der Arbeit Radio Freies Wendland höre und mich auch via Twitter in Echtzeit über die Ereignisse informieren lasse. So bekam ich heute nacht beinahe live mit, wie sich zwei Aktivisten an Seilen von der 75 m hohen Fuldatalbrücke in Morschen hinunterließen, um den Castor zu blockieren; während die dpa noch über eine halbe Stunde oder länger berichtete, der Zug fahre ungehindert weiter. Nach über einer Stunde fuhr er schließlich unter den an Seilen hängenden Demonstranten durch. Diese beiden Aktivisten, die sich der Strahlung aussetzten, um den Irrsinn zu stoppen, waren die Helden der Nacht:



Und während ich dies schreibe, höre ich, es sei drei Gruppen gelungen, Teile der Strecke zu schottern. Zwischen diesen Meldungen über all das, was uns alle mehr angeht als das, was parallel von den Mainstream-Medien gesendet wird, immer wieder Musik, gute Musik, die von den Mainstream-Medien nicht gesendet wird. Das betone ich, weil schon die Erfahrung, stundenlang Radio Freies Wendland zu hören, eine ganz besondere ist: zeigt doch ein Vergleich mit den übrigen Sendern sehr deutlich und sinnlich erfahrbar, wie die Medien von den Herrschenden werden, um uns in eine Parallelwelt zu versetzen, die fast nichts mit unserem täglichen Leben zu tun hat. Und dies funktioniert in Deutschland ganz besonders gut.

Was nämlich hören wir zwischen all der Werbung und all dem Geschwätz? Fast ausschließlich Musik, und zwar in einer Sprache, die nicht die unsere ist. Das hat weitreichende Folgen für unser Selbstbewußtsein: wird uns durch die fast unausgesetzte Beschallung speziell mit englischsprachigen Songs doch täglich und stündlich die Botschaft vermittelt, wir hätten keine eigene Kultur und damit keine eigene Identität. Das macht sprachlos und aggressiv. Doch die angestaute Wut richtet sich bei vielen eben nicht gegen jene, die uns täglich schon allein durch die Beschallung den Eindruck vermitteln, wir wären Fremde im eigenen Land, sondern gegen die Migranten: und das vor allem dort, wo es kaum Migranten gibt, nämlich auf dem Lande. Woran das liege? wurde und wird oft gefragt. Die Ursachen sind zahlreich; doch eine wurde und wird nie in Erwägung gezogen: die simple Tatsache, daß die Inhalte der Mainstream-Medien und deren Sprache mit der Lebenswirklichkeit der Menschen in den kleinen Städten und Dörfern kaum etwas zu tun haben. Sie fühlen sich überfremdet, können jedoch - wie auch die allermeisten Stadtbewohner - ihre Wut nicht reflektieren. Also wendet sich diese Wut gegen alles sichtbare Fremde, und das sind vor allem alle Menschen, die als Migranten erkennbar sind.

Seit aber der Kampf um Stuttgart 21 von den Mainstream-Medien nicht mehr totgeschwiegen werden kann und der Kampf gegen den Atomstrom wider eine neue Qualität erreicht hat, beginnt sich das Blatt zu wenden. Immer mehr Menschen auch auf dem Lande erkennen, was sie wirklich bedroht: die Macht der Konzerne. Und deshalb auch ist es kein Zufall, daß Radio Freies Wendland hauptsächlich Musik in unserer Sprache sendet: mit Texten, die jeder Bauer versteht und die nicht nur Identität schaffen können, weil sie von uns und unseren Problem und täglichen Kämpfen handeln, sondern weil sie uns das Gefühl vermitteln, daß wir in Deutschland leben und nicht im luftleeren Raum. Vor diesem Hintergrund auch bekommen Titel in anderen Sprachen eine neue Qualität. Titel von The Clash oder Goran Bregović oder der spanische, der gerade jetzt gespielt wird, klingen neu und frisch und scheinen eine ganz neue Botschaft zu vermitteln: die der internationalen Solidarität. Denn diese Solidarität kann es nur geben, wo nicht alle gleich, genauer: gleichgeschaltet sind. Solidarität setzt also voraus, daß alle mit sich selbst identisch sind. Erst auf dieser Basis können Menschen einander wirklich respektieren oder gar lieben. Wer das nicht glaubt, der schalte jetzt oder später Radio Freies Wendland ein und lasse diesen Sender für ein paar Stunden eingeschaltet. Er wird sich wie neugeboren fühlen, weil er das Medium Radio neu entdeckt und damit auch unsere Sprache und eine aus dem Widerstand geborene lebendige Musikkultur, die von den Mainstream-Medien unterdrückt wird, weil sie - wie von alters her die echte Volksmusik - Identität stiftet und damit auch die Voraussetzung für Solidarität.

Worum es bei Stuttgart 21 und auch jetzt wieder im Wendland letztlich geht, wird deutlich auf der Website der seit 1977 bestehenden Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg. Dort ist die Rede von
Menschen, die hier leben. Die das Wendland als ihre Heimat empfinden. Die ihre Heimat schützen wollen vor der Zerstörung durch eine katastrophale Atompolitik.
Ja, da ist es wieder, das Wort Heimat, das seit Jahrzehnten so vielen Städtern aus der linken Szene Übelkeit bereitet. Um 1980 hatte diese Aversion deutlich nachgelassen; doch mach dem Mauerfall hat sie wieder zugenommen, zumal bei denen, die nicht mit diesen Kämpfen und auch nicht mit der sie begleitenden Musik aufgewachsen sind: mit dem neuen deutschen Folk und den Anfängen der NDW. Davon hat die Politik im Dienste der Konzerne lange profitiert. Doch nun, ganz allmählich, rückt wieder ins Bewußtsein, daß es so etwa wie Heimat gibt und warum es so wichtig ist, sich darauf zu besinnen: nicht nur um die Zerstörung unserer materiellen Umwelt zu stoppen, sondern auch die Zerstörung unserer Sprache und Kultur und damit alles, wovon auch eine neue Rechtspartei profitieren könnte, wenn wir es ihr überlassen, das Unterdrückte für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, damit sich die Wut unzähliger Bürger nicht gegen ihre Unterdrücker richtet, sondern gegen andere Bürger, mit oder ohne deutschen Paß. Diesen Fehler hat die Linke nach 1980 und auch um 1990 schon einmal begangen. Ihre Grabenkämpfe und auch die Minderheitenpolitik der Grünen haben mit dazu beigetragen, das Volk zu spalten und zu schwächen. Nun aber sehen wir, wie stark es sein kann, wenn es denen widersteht, die es in Deutsche vs. Migranten und Nichtraucher vs. Raucher und vieles mehr zu spalten versuchen, damit sie weiter ihre Kernspaltung betreiben und uns mit ihrem Müll vergiften können.

À propos Müll. Andreas Maier gehört schon lange zu jenen jüngeren deutschen Autoren, die nicht nur um ihr Ego kreisen. Bereits 2003 hat er für Die Zeit einen Artikel mit dem Ttel Die Legende vom Salzstock geschrieben, worin sehr schön nachzulesen ist, was es mit dem sog. Zwischenlager in Gorleben wirklich auf sich hat. 2008 hat er auch eine Rede über den Castor gehalten, auf der damaligen Demo in Gorleben. Darin sagte er den Demonstranten:
Ihr seid so ziemlich die einzigen Vorbilder, die man sich heute denken kann. Euer Tun werden sie später genauso als vorbildlich erklären, wie sie Sophie Scholl und die Weiße Rose zum Vorbild erklärt haben. Das werden sie wie immer dann machen, wenn alles zu spät ist. Dann werden Schulen nach euch benannt werden, und Schuldirektoren werden große Reden auf euch halten. Heute aber sind wir nur verlumpte Gestalten, die auf Bäume klettern wie die Affen, und die Schuldirektoren sehen uns im Fernsehen und werden zornig über die Störenfriede.
Wie all die Leute, die nun lesen und hören werden, linksextremistische Demonstranten hätten Polizeiwagen mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet. Wenn es denn so gewesen wäre, dann wäre es verwerflich. Doch es wäre noch verwerflicher, zehntausende von friedlichen Demonstranten mit ein paar Idioten gleichzusetzen, von denen noch nicht einmal bekannt ist, ob es wirklich linke Demonstranten und nicht bloß Provokateure waren. Die nämlich werden jetzt gebraucht, um die gesamte Protestbewegung, nicht nur die in Gorleben, bei der Bevölkerung in Mißkredit zu bringen und zu kriminalisieren. Aber, wie schon neulich an diesem Ort einmal geschrieben: es gibt wieder eine junge Generation, die nicht so angepaßt ist wie die Partygeneration der 80er und 90er Jahre. Auf diese Generation der um 1990 Geborenen setze ich das bißchen Hoffnung, das ich habe. Möge sie sich nicht von denen irreführen lassen, denen sie nur wichtig ist, um die nächsten Wahlen zu gewinnen.

Inzwischen spitzt sich die Lage immer mehr zu. Und hier ist ab 2:20 in brutalstmöglicher Deutlichkeit zu sehen, wie manche unserer Staatsdiener mit wehrlosen Demonstranten umgehen:



Man mag vom Schottern halten, was man will; man mag es sogar verurteilen. Doch dadurch kommt kein Mensch und kein Zug zu Schaden; anders als wenn Polizisten einem Menschen, der weder schottert noch sonst etwas tut außer am Boden zu liegen, mehrmals mit der Faust ins Gesicht schlagen. Möge dieses Video weite Verbreitung finden.

Die Mietwagenfirma IX indes hat die Demonstrationen gegen den Castor genutzt, um sog. Ambush-Marketing zu betreiben:
Denn im Gegensatz zu den üblichen Anti-AKW-Parolen las man im Getümmel der Demonstranten plötzlich den geschickt formulierten Slogan:

"Stoppt teure Transporte! Mietet Van&Truck von IX!"

Und das alles kostengünstig gefilmt, dokumentiert und verbreitet von der zahlreich erschienenen Presse.
This is the modern world.

Heute steht es auch auf den Nachdenkseiten:
In den meisten Fernsehberichten und fast allen Printmedien wurden die Banner mit der Persiflage der Präambel des Grundgesetzes "Die Wünsche der Wirtschaft sind unantastbar" oder die Überdeckung des im Reichstag eingemeißelten Schriftzugs "Dem deutschen Volke" durch den Spruch "Der deutschen Wirtschaft" sicherlich bewusst nicht gezeigt.
Es kann und darf eben nicht sein, daß junge Leute all das, wovon die Wirtschaft so gern schwafelt, Mut und Kreativität, nicht zum Wohle der Wirtschaft einsetzen, sondern im Sinne des von ihr tyrannisierten Volkes, dessen Beifall ihnen sicher wäre, wie das bei Rapidshare veröffentlichte Video der Aktivisten zeigt. Was da noch einmal zu sehen ist: das ist ein Musterbeispiel an gelebter Demokratie, friedlichem und zugleich öffentlichkeitswirksamem Protest gegen Zustände, die nicht mehr hinnehmbar sind. Es ist ein politisches Gesamtkunstwerk; die witzigste (und eben: mutigste) Performance, die ich je gesehen habe. Joseph Beuys wäre begeistert gewesen.

Also ist nun die Kunstszene dran. Sie sollte den Aktivisten ihre Solidarität bekunden und weitere witzige Protestaktionen durchführen. Denn nur mit solchen Aktionen kann es gelingen, das politikmüde Volk aus seiner Lethargie zu wecken und ihm zu vermitteln, daß Widerstand noch möglich ist, ja sogar mehr Spaß machen als alle von der Wirtschaft gesponserten Events und TV-Spektakel.

Die ersten Medienberichte über die gestrige Aktion im Bundestag ließen offen, wer da eigentlich wogegen protestierte. Eine noch nie dagewesene Kletter- und Banneraktion anläßlich einer Debatte zur Kinderbetreutung? Da muß mehr dahinterstecken, dachte ich: und freue mich nun darüber, nach einem jener Seminare, die ich besuchen muß, um mich fortzubilden,endlich erfahren zu haben, worum es den Aktionären Demonstranten ging,während sie den Sprung ins den fast leeren Parlamentssaal wagten: nämlich um nichts anderes, als dem deutschen Volke vor Augen zu führen, vor welche Alternative und die allesbestimmende Wirtschaft mittlerweile stellt: Geld oder Leben.

Auch wer bezweifelt, daß eine kostenlose Grundversorgung aller ein Teil der Lösung des Problems wäre, sollte das Manifest zur Aktion "Der Bundestag ist gescheitert" (ein Link, den ich bei meinem geschätzten Nachbarblogger fand) aufmerksam lesen und, sofern er auch nur teilweise damit übereinstimmt, zu dessen Weiterverbreitung beitragen. Denn:
Diese parlamentarische Demokratie ist keine Demokratie, sondern eine Scheindemokratie: Die WählerInnen werden nicht als teilnehmendes Element am gesellschaftlichen Aufbau betrachtet, sondern nur als passive KonsumentInnen, die über unterschiedliche Marketingstrategien der Parteien zu urteilen haben.
Und:
Der Mensch ist ein austauschbarer Funktionsträger in einer sinnlos wachsenden Wirtschaft, wer sich weigert oder scheitert, ist nur noch Abfall. In einer Gesellschaft, in der es wichtig ist, zu den Gewinnern zu gehören, bleibt immer eine Mehrheit von Verlierern übrig. [...]

Gerade junge Menschen gestalten ihr Leben nur noch nach Bewerbungskriterien. Unter dem Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit ordnen viele ihr Leben scheinbar freiwillig der wirtschaftlichen Verwertbarkeit unter.

[...]

Wir treten für eine Demokratie ein, die es Menschen gestattet, den politischen Rahmen und ihr Umfeld zu gestalten und mitzubestimmen. Wir treten für eine menschliche, ökologische und soziale Wirtschaft ohne Konzerne und eine solidarische, freie, emanzipatorische Gesellschaft ein.

Unsere Forderungen richten sich an keine herrschende Elite. Wir rufen zu einem öffentlichen Diskurs und zu einer neuen freien Bewegung auf. Mit dieser Aktion setzen wir ein Zeichen gegen das derzeitige System. Alle, die mit dem Bestehenden unzufrieden ist [sic] und die Hoffnung auf eine freie bessere Gesellschaft nicht aufgegeben hat [sic], rufen wir auf, Widerstand zu leisten.
Diesen Worten schließe ich mich an. Zwar glaube ich nicht daran, daß es jemals eine Gesellschaft geben wird, in der die Menschen frei und solidarisch miteinander umgehen werden; doch allen, die sich phantasievoll dafür einsetzen, gilt seit jeher meine Sympathie.

[Update, 29.04.] Inzwischen gibt es bei Flickr auch Fotos von der Aktion zu sehen; das hier gezeigte stammt von dort.

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