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(ja, so heißt er wirklich) ist ein promovierter Physiker, weiß aber alles über Menschenmassen und hat viel darüber geschrieben, so auch hier. Zitat:
Eine immer wichtiger werdende Methode ist die der Simulation. Hier besteht kein Risiko für beteiligte Personen wie in Realexperimenten, und es ist noch nicht einmal das Gebäude oder die Einrichtung notwendig. In Simulationen werden alle Menschen mikroskopisch mit ihrer Bewegung und ihrem Verhalten im Computer abgebildet. Man kann so jede Geometrie im Vorhinein prüfen und entsprechend verändern. Die Maßnahmen können getestet werden, bevor sie ergriffen worden sind. Heutige Simulationsmodelle sind in der Lage, über eine Million Menschen mit ihrer Dynamik zu berechnen.
Diesmal aber hat es nicht geklappt mit der Simulation. Dennoch
hat der Panikforscher Michael Schreckenberg das Sicherheitskonzept verteidigt. Er hatte es selbst mit erarbeitet. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, sagte Schreckenberg im WDR.
So eine Meldung von heute morgen. In seinem zitierten Aufsatz allerdings spricht er selbst von den unkontrollierbaren Reaktionen großer Menschenmassen und dem Tunnelblick der einzelnen:
Die Situation entscheidet darüber, ob es zu einer Eskalation kommt. Ein wichtiger Aspekt ist, dass es nicht darauf ankommt, ob eine wirkliche oder nur eine gefühlte Gefahr als Auslöser existiert; in vielen Fällen entwickeln sich viel zu hohe Dichten aus dem Wunsch der Menschen, sich wegzubewegen, aus welchem Grund auch immer.
Genau das war in Duisburg der Fall. Und es war vorauszusehen. Ein Leserkommentar vom letzten Donnerstag:
sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen?
also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß, wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten?
ich fass es nicht!!!!

ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen.
#18 von klotsche , am 22.07.2010 um 17:08
Weshalb hat dieser Mensch gewußt, was passieren würde, nicht aber der Experte? Ganz einfach. Nicht nur Menschen in Panik entwickeln einen Tunnelblick, sondern auch Menschen in Abhängigkeit, sei's von ihrem Vater oder Auftraggeber. Des Panikforschers Job bestand nicht darin, seinem Auftraggeber von der Party abzuraten, sondern alles zu tun, um ihn zu beruhigen. Ja, der Tunnel war groß genug. Das haben die Berechnungen ergeben. Nur die Menschen waren leider mal wieder völlig unberechenbar.

[update] Was ich heute nacht so lakonisch geschrieben habe, hat sich inzwischen bestätigt. Bei Spiegel online ist zu lesen:
Mit stürzenden Menschen hätten die Organisatoren nicht rechnen können: "Das ist das Werk von Einzelnen." So etwas könne man nicht vorhersehen. "Das ist ein tragisches Unglück, dagegen kann man sich bei einer Masse nicht wappnen."
Und das sagt ein renommierter Panikforscher? In meinem Kommentar zum Kommentar von Schwarzmaler (unter diesem Beitrag) habe ich bereits geschrieben, weshalb "das Werk von Einzelnen" vorherzusehen war. Und es wurde auch von der Polizei vorhergesehen:
Nach Angaben aus der Duisburger Polizeiführung wollten die Experten die Teilnehmer "großflächiger" anreisen lassen und unbedingt verhindern, dass es zu einer Nadelöhrsituation kommen kann. Der Plan hätte einen weitaus größeren Personaleinsatz erfordert und sei von der Stadtverwaltung schließlich verworfen worden.
Denn, so der Vize-Landeschef der Polizeigewerkschaft:
Die Stadt sei bei der Planung der Love Parade vom Veranstalter so in die Enge getrieben worden, dass sie trotz "eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich" nur habe Ja sagen können.
Letzteres sicherlich nicht. Sie hätte ein deutliches NEIN! sagen können, wie Bochum im letzten Jahr. Doch das Prestige war ihr wichtiger. Und das Geschäft. Oh1 ich höre wieder die immergleichen Sätze wie Der Wirtschaftsstandort Duisburg braucht die Loveparade und Wir können das Risiko minimieren und Wer gewinnen will, muß optimistisch sein und Für die Stadt und den Veranstalter ergibt sich eine Win-win-Situation. Wie nachhaltig diese Gehirnwäsche wirkt, läßt sich an Duisburgs Oberbürgermeister studieren. Er sagt noch immer:
Wenn Sie jetzt hören, was wohl die Ursachen sind, dann lag es nicht am Sicherheitskonzept, was nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen.
Und noch einmal der Panikforscher mit einer Äußerung gegenüber tagesschau.de:
"Es gibt aber immer Menschen, die sich nicht an die Spielregeln halten", sagte er. Laut Schreckenberg hatten kurz vor dem Unglück mehrere Loveparade-Teilnehmer ein Gitter überrannt und waren eine Treppe hochgelaufen. Dabei seien einige gestürzt. "Im Sicherheitsplan war nicht vorgesehen, dass Menschen von oben herunterfallen."
Dennoch war der Plan perfekt, so perfekt wie jedes von Technokraten erdachte System. Bricht ein solches System zusammen, sind niemals dessen Entwickler schuld, sondern stets die Menschen. Sie hätten sich ja nur so perfekt verhalten müssen wie in der Simulation, so rational wie dieser Mensch.

[Nachtrag] Inzwischen ist bei news.de ein Interview mit Schreckenberg zu lesen. Er macht den Veranstaltern Vorwürfe. Diese wiederum werden sich bei ihm revanchieren - ein Hin und Her, das so lange anhalten wird, bis das Thema bestenfalls noch als Randnotiz in den Medien erscheint. Wer alles tatsächlich zu verantworten hat, was in Duisburg passiert ist, werden wir wohl nie erfahren. Auf jeden Fall sollten wir uns hüten, einer einzelnen Person die Rolle des Sündenbocks zuzuweisen.

[Nachtrag, 26. Juli] Inzwischen hatte Panikforscher Schreckenberg einen seltsamen Auftritt im ZDF. Er habe gar nichts mit dem Sicherheitskonzept an der Unglückstelle zu tun gehabt; er habe das Gelände nicht gekannt, weil man ihm den Zutritt verwehrt habe; er habe gewarnt; es sei "überhaupt kein Fehlverhalten der Besucher" feststellbar gewesen; und auf dem Platz hätten sich "weit unter 200.000 auf dem Gelände in der Spitze" befunden. Was er über das Verhalten der Besucher sagte, widerspricht seinen eigenen Angaben von vorgestern; was er über deren Zahl sagt, widerspricht den Zahlen der Polizei von heute; und wie er alles sagte, erschien mir nicht sonderlich vertrauenswürdig, weil fast alles, was er sagte, nur dem Zweck zu dienen schien, sich als Warner & Mahner dazustellen. Weshalb aber hat er nach dem Unglück das Sicherheitskonzept, das doch gar nicht seines war, so vehement verteidigt, als wäre es seines gewesen?
Schwarzmaler meinte am 25. Jul, 03:41:
Entweder das - finanzielle Abhängigkeit - oder, mein erster Gedanke, Betriebsblindheit gegenüber Simulationsmodellen. Wenn die Software die Katastrophe nicht simuliert wird der gesunde Menschenverstand - tausende von Menschen nicht über einen engen dunklen Tunnel zu leiten - ausgeschaltet. 
quirinus antwortete am 25. Jul, 12:00:
Ich glaube schon, daß die Sache mit dem Tunnel simuliert worden ist, jedoch eben nicht die Möglichkeit, daß Menschen versuchen könnten, der Enge zu entkommen. Vor allem wird man auch hier nicht berücksichtigt haben, was man auch bei der Analyse der vorhersehbaren Katastrophe nicht berücksichtigen wird: daß extrem laute, schnelle und baßbetonte Musik (weil sie nicht nur gehört, sondern der ganze Körper in Schwingung versetzt wird) extrem auf das vegetatitve Nervensystem wirkt und Angstzustände hervorrufen kann. Leitet man Menschen, die schon lange in einem engen Zug gesteckt und 4 km Fußmarsch hinter sich und vielleicht schon einiges an legalen und illegalen Drogen konsumiert haben, unter solchen Umständen auch noch durch einen langen dunklen und bei Sommertemperaturen besonders stickigen Tunnel, sind schon ohne sonstige Vorkommnisse Panikattacken und auch Zusammenbrüche wg. Dehydrierung sehr wahrscheinlich.

Deshalb nehme ich an, daß auch während der Planungsphase ähnliche Bedenken geäußert wurden wie in der Öffentlichkeit, die Warner jedoch mundtot gemacht wurden. So läuft es ja in fast allen Firmen und in der Politik. Was wir brauchen, ist nicht nur immer wieder die geforderte lückenlose Aufklärung des Zustanekommens eine zivilen oder militärischen Katastrophe, sondern eine weltweite Debatte über den Optimismus, diese (ich zitiere immer wieder den weisen Schopenhauer) ruchlose Denkungsart, die letztlich allem von Menschen verschuldeten Elend zugrundeliegt. 
Schwarzmaler antwortete am 25. Jul, 14:27:
Eine ernsthafte Tunnelsimulation hätte die Schwachstellen zeigen müssen - Spiegel hat einen Überblick über die Menschenfalle http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-57495.html. Aber es wird so sein wie bei den Klimaprognosen - die Rechner zeigen keinerlei Erkenntnis, es wird nur geliefert, wonach gefragt wird. 
Darklady meinte am 25. Jul, 13:58:
Was mich wieder an Peter Ustinovs Ausspruch erinnert: Das letzte, das die Menschheit hören wird, bevor die Welt auseinanderbricht, ist die Stimme eines Wissenschaftlers, der da sagt: Das ist technisch unmöglich. 
quirinus antwortete am 25. Jul, 15:09:
Danke
für den Hinweis. Diesen Spruch von Ustinov kannte ich noch nicht. 
timanfaya meinte am 26. Jul, 15:27:
das thema mit dem werk von einzelnen spottet wirklich jeder beschreibung. wie ich bei mir schon schrieb hätte in jede gefahrenanalyse die zündung einer rauchgranate oder eines bengalenfeuers im tunnelbereich gehört. oder noch einfacher gedacht: wie rettet man aus diesem tunnel jemanden mit einem lebensgefährlichen kreislaufzusammenbruch? meines wissens nach wird heutzutage jeder längere tunnel mit einer rettungsröhre und einer entrauchungsanlage gebaut. das ist das einmaleins der tunnelsicherheit. und wenn das alles wie in duisburg nicht da ist, dann muss man zumindest eine notspur absperren. also etwa 1/3 der tunnelbreite. das hätte wahrscheinlich schon komplett gereicht um dies gefährlichen knotenpunkt zu entschärfen. 
quirinus antwortete am 26. Jul, 16:18:
Ich glaube nicht, daß das gereicht hätte. Es war ein Fehler, die Loveparade überhaupt dort stattfinden zu lassen. Im übrigen gilt: daß es auch unter den günstigsten Bedingungen bei Massenveranstaltungen dieser Art früher oder später zu Katastrophen kommt: was aber eben niemanden davon entbindet, alles Menschenmögliche zu tun, um sie zu verhindern. 
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