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Ja, nun habe auch ich jene Sendung gesehen, über die ich hier im Viertel auf der Straße hörte, Eva Herman habe Nazireden geschwungen, aber Kerner, der sei ganz souverän geblieben, und Senta Berger habe sich mal wieder als eine kluge, eine feine Frau erwiesen; doch was ich gesehen habe, muß eine andere Sendung gewesen sein: denn was hier veranstaltet wurde, war tatsächlich nichts als ein Schauprozeß, dessen Ergebnis bereits von vornherein feststand. Man höre nur ganz genau hin, wie der Großinquisitor Kerner, kaum daß die Angeklagte zu reden beginnt, ihre Sätze mit Hms zerhackt, ihr ins Wort fällt und sie immer wieder mit den Nazis und Neonazis in Verbindung bringt; man vergleiche Senta Bergers Geschwätz über die dank 68 heute so emanzipierten Männer und Frauen mit der Realität; man achte auf die Körpersprache und das Lallen der rotweintrinkenden Schreinemakers und die Ausführungen des Experten, der genau das sagt, was Kerner hören will; und man verfolge ganz genau, wie er und Senta Berger und die Schreinemakers alles daran setzen, die Angeklagte in die Enge zu treiben, bis ihr schließlich wieder - unter folterähnlichen Bedingungen - ein Satz entgleitet, über den sie sich empören können.

Die Welt hat es gesehen, und diesmal hat sie recht: Es war eine öffentliche Hinrichtung, ein archaisches Schauspiel, ein obszönes Treiben, das - wie Eva Herman gegen Ende richtig sagte - nur den Rechten nützen wird. Es war die Illustration all dessen, worunter Walter Kempowski jahrzehntelang gelitten hat, was Botho Strauß vehement kritisiert und Martin Walser in seiner Paulskirchenrede gegeißelt hat: die Intoleranz, Verlogenheit, Selbstgerechtigkeit und Weltfremdheit einer macht- und quotengeilen Medienschickeria, die keinerlei Tabus mehr kennt außer diesem: eine andere Meinung zu vertreten als die jeweils opportune. Und das hat noch weniger mit einer funktionierenden Demokratie zu tun als das Frauen- und Männerbild einer Eva Herman. Soviel Blödsinn sie auch von sich geben mag, so oft sie auch versehentlich in die braune Kacke tritt: bei Kerner war sie die einzige halbwegs ernstzunehmende Person. Und wie die Geschichte Walter Kempowski, Botho Strauß und Martin Walser binnen kurzer Zeit recht gegeben hat, so wird sie
auch Eva Herman für manches rehabilitieren, ob es uns paßt oder nicht. Wofür, das kann man hier und hier schon sehen.
Man muß es erleben, wie ins unseren Talkhows, wie in den Zeitungen nur immer die eine von Schwachköpfen kanonisierte Meinung gilt. Jegliche Differenzierung wird sofort zertrampelt. Abweichende Meinungen werden zu Waffen gegen den, der sie äußert, nicht zu Denkangeboten. Man muß es gesehen haben, wie sie die Nasenflügel blähen, wie sie auf dem Sprung sitzen und hoffen, daß sich einer verrät. Wenn man sie ließe, und wenn's nicht ihren Maximen widerspräche, würden sie ohne weiteres Lager eröffnen, wenn auch mit bezogenen Betten.

Einen Zusammenhang zwischen 1919 und 1933 darf man nicht einmal herstellen. - Der Meinungsterror hat sich derartig verschärft, daß man um seine Existenz fürchten muß. Einziger Ausweg: sich dumm stellen.
Eva Herman kann nicht so schreiben; doch bei Kerner hat sie im Prinzip das gleiche gesagt wie der Autor dieses Tagebucheintrags vom 21. Juni 1989. Sein Name: Walter Kempowski.
Schwarzmaler meinte am 12. Okt, 01:29:
Das war erbärmlich. Kerner eben. Oder Schreinemarkers. Zickenterror. Daß Eva Herrmann nicht gemerkt hat, wie ihr mitgespielt wurde macht sie mir allerdings nicht symphatischer. Der Versuch, sich in dieser Runde zu erklären, gleicht dem Versuch, nicht vorhandene Perlen vor die Säue zu werfen. Man kann sich durchaus konservativ artikulieren, nur muß man sich das richtige Publikum suchen. Achja, hämisch grinsend habe ich den Verfall des Gruppen-IQs nach dem Rauswurf verfolgt. Das war dann wieder öffentlich-rechtliches Fernsehen massenkompatibel. Da fehlte nur noch Hansi Hinterseer, der im Hintergrund in ein Alphorn bläst. Deutschland, du hast das Fernsehen, das du verdienst. 
wvs meinte am 12. Okt, 02:13:
Sehr pointiert ....
und treffend - wie immer ....Danke!

Eine weitere Diskussion zum Thema .... 
quirinus meinte am 12. Okt, 05:10:
Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei ... 
huflaikhan meinte am 12. Okt, 11:27:
Sicher. Das sind Verhörspiele. Das endet offensichtlich nie. "Sich-dumm-stellen" geht aber auch nicht immer. Ich kann es mittlerweile sehr gut verstehen, wenn es Menschen gibt, die sich dem ganzen durch Abwesenheit entziehen.

Und hier im besonderen Fall würde ich dann doch sagen, dass zwischen Kempowski und Herman ein Unterschied besteht, bei dem das "Prinzip" nicht genügt.

Adorno hat in seinem Artikel "Meinung Wahn Gesellschaft" folgendes geschrieben: "Nicht bloß ist die Annahme, vorweg sei das Normale wahr und das Abweichende falsch, überaus dubios, selber die Glorifizierung bloßer Meinung, nämlich der herrschenden, die das Wahre nicht anders zu denken vermag denn als das, was alle denken. Sondern die sogenannte pathische Meinung, die Deformationen des Vorurteils, des Aberglaubens, des Gerüchts, des kollektiven Wahns, wie sie die Geschichte, und zumal die aller Massenbewegungen, durchwachsen, sind vom Begriff der Meinung: gar nicht zu trennen. Schwer fiele es, a priori zu entscheiden, was zum einen oder anderen rechnet; …" [Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Meinung Wahn Gesellschaft. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8346 (vgl. GS 10.2, S. 574) ]

Die umgekehrte Konstellation ist durchaus denkbar und war mindestens in Deutschland genauso real. Kerner und Herman würden sich in anderen Konstellationen nichts nehmen, nur dass Kerner dann die Seiten sicher gewechselt haben würde. Adorno hat die Chancen, dagegen anzukommen, als schwierig bezeichnet:

"Meinung aber substituiert sich als Wahrheit. Anstelle der zugleich problematischen und verpflichtenden Idee von Wahrheit an sich tritt die bequemere der Wahrheit für uns, sei es für alle, sei es wenigstens für viele. »Thirteen million Americans can't be wrong«, heißt ein beliebter Reklameslogan, getreueres Echo des Geistes der Epoche, als dem abgekapselten Stolz derer recht ist, die als Kulturelite sich fühlen. Der Durchschnitt der Meinung wird – mit der gesellschaftlichen Macht, die in ihm sich zusammenballt – zum Fetisch, auf den die Attribute der Wahrheit sich übertragen. Unvergleichlich viel leichter, das Armselige darin zu spüren, darüber sich zu entrüsten oder es zu belächeln, als ihm stringent zu begegnen." [Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Meinung Wahn Gesellschaft. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8363 (vgl. GS 10.2, S. 584) ]

Ich weiß auch nicht weiter. 
quirinus antwortete am 12. Okt, 12:02:
Und hier im besonderen Fall würde ich dann doch sagen, dass zwischen Kempowski und Herman ein Unterschied besteht, bei dem das "Prinzip" nicht genügt.

Dir nicht und mir nicht; aber es geht nicht um uns und auch nicht um Eva Herman oder Walter Kempowski. Es geht um die Medien. Und deren Prinzip ist stets das gleiche. Es lautet: BEKENNST DU DICH SCHULDIG - JA ODER NEIN?

Das Entweder-Oder. Borderlinewelt. 
huflaikhan antwortete am 12. Okt, 12:41:
Ich jetzt? ;-)

Siehe 9.9.2003: Erneuter Sieg der Stasi nach ihrer Abschaffung
Schwarzmaler meinte am 12. Okt, 15:33:
Zu Adorno: man kann es auch einfacher ausdrücken: Es gibt nur subjektive Wahrheiten, eine Annäherung an die objektive Wahrheit erreicht man nur über die Summe aller subjektiven Wahrheiten. Die Mehrheit hat objektiv recht, diese Wahrheit allerdings ist fließend in Zeit und Raum. 
hweblog antwortete am 13. Okt, 04:07:
Neenee, das meint Adorno gerade nicht. Fragen Sie Doktor Hufner. 
quirinus antwortete am 14. Okt, 10:30:
Das hätt' ich auch gesacht. 
huflaikhan antwortete am 18. Okt, 17:18:
Also Adorno hat genau das nicht gesagt. Er meint eher, was höhereweltenblog meint, dass gerade das nicht gemeint ist. Und Quiri hätte genau das gesagt, was er gesagt hat - und das hat er dann ja auch. 
Lisa Rosa meinte am 15. Okt, 13:44:
vielen Dank! Ein sehr schöner Artikel. 
bembelkandidat meinte am 15. Okt, 23:08:
na gut, jetzt hab' ich mir die sendung doch noch angesehen, wollte ich eigentlich nicht (u.a.weil ich weder kerner noch herman ertragen kann), doch dein artikel hat mich neugierig gemacht. nach ansicht der sendung fühle ich mich in diesem vor-urteil ein weiteres mal bestärkt. die eva hat sich selbst weiter reingeritten, unfähig schwurmeliges in ihren worten anerkennen zu wollen oder zu können, kerner und seine sekundanten wollten natürlich nicht diskutieren oder gar ein erfrischendes streitgespräch, nur abbitte. trotzdem kein mitleid oder verständnis für die eva, nur kopfschütteln für die frau, die angst davor hat, daß die deutschen aussterben, seufz... 
quirinus antwortete am 16. Okt, 20:55:
Mitleid mit Eva? Nein, das muß nicht sein. Aber alles, was sie sagt, auf
'rechte' Positionen à la Hife! Die Deutschen sterben aus! zu reduzieren, hilft nicht weiter, genausowenig wie es weiterhilft, Alice Schwarzer - so wie es jüngst wieder getan wurde - als häßliche Frust-Emanze zu beschimpfen, nur weil sie die Pornographisierung unserer Gesellschaft vehement kritisiert. Es sollte um Inhalte gehen, nicht um Personen. Und der sog. Fall Eva Herman besteht nicht zuletzt darin, daß er ein Paradefall dafür ist, auf welch niedrigem Niveau hierzulande in den Medien über wichtige Fragen diskutiert wird - und zwar nicht nur von Eva Herman. 
bembelkandidat antwortete am 17. Okt, 01:01:
reduzieren auf eine 'rechte' position ist natuerlich nicht hilfreich, mein hinweis war auch nur als ein beschreibendes beispiel fuer ihr 'werte-konservatives' weltbild gemeint. (eine werte-diskussion haette an diesen abend evtl. mehr gebracht, denn es gibt ja noch andere als die von der eva fovorisierten)
das niedrige niveau der medien, die zwar nicht gleichgeschaltet sind wie die eva meint, da nicht staatlich gesteuert, sondern als mainstream im neoliberalen gleichschritt marschieren und als abhaengige wirtschaftsunternehmen dem eigenen kapitalismus natuerlich nicht ans bein pinkeln, diese niveau bedient und thematisiert lieber niedere instinkte als ansprechende kritische diskurse. deswegen funktionieren diese pseudo-'diskussionsrunden' wie bei kerner letztlich auch nicht, weil sie sich vor den wirklich wichtigen fragen druecken, sie vermeiden oder wenn ueberhaupt, dann nur oberflaechlich ankratzen. 
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