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Gleich nachdem ich aufgewacht war und in den Nieselregen hinausgesehen hatte, griff ich zu einem der Bücher neben meinem Bett und las:
Ahnst du, was vorgeht in jenem Raume, den wir vielleicht eines Tages durchstürzen werden, und der sich zwischen der Erkenntnis des Unterganges und dem Untergang erstreckt?
Als ich das gelesen hatte, kochte ich mir erstmal einen Kaffee, ging online, las die Google News, stieß auf diese Überschrift:

Beatles oder Stones

- und las, was der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier angeblich selbst geschrieben hat, über sein Leben mit den Rolling Stones, deren Verläßlichkeit er preist:
Sie kopierten nicht den allgegenwärtigen amerikanischen Rock'n'Roll, versuchten sich auch nicht im Beat als dessen englischer Spielart, sondern zogen ihre Kraft und Energie aus ursprünglichem und archaischem Blues. Wenn Jagger vom Street Fighting Man sang, war das der musikalisch ausgedrückte Wille, etwas anders zu machen und an die Wurzeln zu gehen. Das ist das eigentlich Politische der Rolling Stones, und das hält ihre Fans zusammen, damals wie heute.
Daran ist fast alles falsch, was nur falsch sein kann. Stonemeier, nur 1 Jahr jünger als ich, scheint die ersten Scheiben seiner Lieblingscombo nicht zu kennen. Schon daran nämlich läßt sich ablesen, daß die Stones vor 1968 gar nicht wußten, was sie wollten, außer: Ruhm und Geld. Sie waren eine machtgeile Band. Deshalb haben sie alles kopiert, von Chuck Berry über The Drifters bis hin zu Bob Dylan, The Yardbirds, The Who und den Beatles. Satisfaction war ihr erstes originelles Stück. Was folgte, waren wieder nur Kopien und Selbstkopien, bis hin zu Their Satanic Majesties Request. Erst 1968, nach dem Mißerfolg der LP, fanden sie zu ihrem Stil, beflügelt vom Erfolg amerikanischer Bands wie Grateful Dead und The Doors. Musikalisch waren sie alles andere als revolutionär; und textlich? Street Fighting Man handelt zwar davon, daß einer - wie Stonemeier schreibt - etwas anders machen will; doch er tut es nicht. Denn:
Well now what can a poor boy do, 'cept to sing for a rock & roll band?
Cause in sleepy London Town there's just no place for a street fighting man, no
Weil das in Westdeutschland nicht anders war, begann der Marsch durch die Institutionen: Seit' and Seit' mit den Stones, die den Soundtrack dazu lieferten. Dementsprechend öde klangen sie schon wenig später. Als Helmut Schmidt in Deutschland Kanzler wurde, sangen sie Mick Jagger pragmatisch: It's only Rock and Roll, but I like it. Als sich die heutigen Grünen formierten, versuchten sich die Stones zu regenerieren und machten unter dem Einfluß von Disco und Punk auf der LP Some Girls noch einmal etwas Dampf, aber nur musikalisch und auch nur, um ihr massenkompatibles Image nicht zu verlieren. The Rolling Stones waren und sind nichts anderes als die SPD der Rockmusik.

Und die Beatles? Mit denen war nie Politik zu machen, weil sie weder für noch gegen etwas marschierten. Sie waren einfach da, so wie das Leben, und wurden geliebt oder gehaßt, von 'Rechten' wie 'Linken' gleichermaßen. Deshalb galten sie als aalglatt, anders als die Stones. Sie waren nicht zu fassen, weil sie trotz ihrer Herkunft vier britisch-aristokratische Individualisten waren und zusammen ein Anarch, der sich allen widersetzt, die ihm seine Freiheit nehmen wollen, in wessen Namen auch immer. Dies erinnert an Ernst Jünger, den ich eingangs zitiert habe. Wer nach anarch + ernst jünger googelt, findet jede Menge ähnlicher Zitate, aber nur in englischer Übersetzung, so wie auf dieser Internetseite. Sie zeigen, daß und warum auch Jünger nicht gealtert ist, genausowenig wie die Beatles. Eines paßt ganz besonders gut zu dem Zitat von oben, aber auch zu den Beatles, die mittlerweile unbestritten als Inbegriff der Lebensfreude der 60er Jahre gelten:
Today only the person who no longer believes in a happy ending, only he who has consciously renounced it, is able to live. A happy century does not exist; but there are moments of happiness, and there is freedom in the moment.
All jene, deren (mit Steinmeier zu reden:) kultureller Kanon nicht sehr viel mehr enthält als das, was 1968 allerhöchste Mode war, werden nun wieder sagen, Jünger sei ein Faschist gewesen; die Sätze seien nichts als pure Ideologie. Tatsächlich aber verweisen sie nur darauf, was Goethe seinen Faust im fünften Akt von Teil II sagen läßt:
Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
[...]
Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.
Dies wußte auch schon Konfuzius: Der Weg ist das Ziel. Und vor ihm wußten andere, daß und warum es kein Paradies auf Erden geben kann und die Geschichte der Menscheit eine Tragödie ist, die niemals happy enden wird. Politik jedoch scheint nur möglich zu sein, wenn man den potentiellen Wählern vorgaukelt, bald würde alles gut für alle, nur nicht für die jeweils Bösen. Das sagt Steinmeier zwar nicht, schließlich ist er weder 'rechts' noch 'links'; doch er versucht die von der SPD und den Grünen und der Linkspartei enttäuschten Wähler aus der akademischen Mittelschicht wiederzugewinnen, indem er an die Legende anknüpft, die Rolling Stones seien revolutionär gewesen, und sich als deren Fan zu erkennen gibt.
Der musikalische Wille, den Blues und die Energie walten zu lassen, ist ungebrochen. Die Rolling Stones wollen noch immer auf- und mitmischen. Das ist die Botschaft ihrer Single.
Was aber durchaus nicht stimmt. Die Stones wollen, wie der Text zu Doom And Gloom und ihre immergleichen Riffs beweisen, absolut gar nichts aufmischen. Sie wollen nicht die Verhältnisse, sondern nur uns zum Tanzen bringen, und zwar (was sich von selbst versteht) nur zum Rock der Stones:
Sitting in the dirt
Feeling kind of hurt
Aaaaall I hear is doooom and gloom
And aaaaall is darkness in my room
Through the light your face I see
Baby take a chance
Baby won't you dance with meeeeee
Nichts anderes sagt uns Walter Steinmeier mit seinem Artikel. Alles ist Scheiße, und darin sollen wir mit ihm und mit Peer Steinbrück tanzen. Doch der Rock dieser und anderer Stones ist mir schon seit Jahrzehnten viel zu angepaßt. Ich höre lieber die Beatles oder Joy Division oder Muse oder Rome und lese statt all der Buchnovitäten, die keine Saison überdauern, lieber mit Maßen Ernst Jünger. Das ist zwar politisch nicht korrekt, hilft mir jedoch, angesichts des Untergangs die Contenance zu bewahren.

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