Vor fast auf den Tag genau 32 Jahren bezog ich meine erste eigene Wohnung: zwei geräumige und helle, wenn auch schlecht beheizbare Zimmer in einer alten Wassermühle. Für den Anstrich eines der Räume wählte ich ein warmes Dunkelblau, das wunderbar mit dem hellen Holz des Dielenbodens, des langen Bücherregals und der zwei alten Bauernmöbelstücke kontrastierte, die meine Vermieterin, eine schlichte Göttinger Landfrau mit dem rustikalen Namen Martha Rackebrandt, mir überlassen hatte. Über mein Bett, zwischen Schrank und Bücherregal, hängte ich ein riesiges goldenes Poster, Der Kuß von Gustav Klimt; und als alles fertig war, legte ich eine meiner alten Platten auf. Welche das war, weiß ich nicht mehr; doch es könnte Abbey Road gewesen sein, das letzte große Album der Beatles, oder Out Of Our Heads von den Rolling Stones, das beste ihrer R&B-Alben. Auf jeden Fall war es eine der Platten, die mich schon jahrelang begleitet hatten und von denen ich wußte, daß sie mich weiter begleiten würden, in meinem neuen freien Leben, in meiner Studienzeit. Gegen die Musik, die sie oft durchs Fenster hörte, wenn sie in den Hühnerstall ging, hatte Martha Rackebrandt nichts einzuwenden; wohl aber gegen die blaue Rauhfasertapete. Was sollten denn die Leute denken? Mir war egal, was die Leute denken würden, und schließlich war es auch Martha Rackebrandt egal. Manchmal klopfte sie morgens ans Fenster, lachte verlegen, hielt mir ihre offene Hand hin und sagte: "Hier, aan Aa."
Kadergenossin Ulle vom Kommunistischen Studentenverband, die ein Jahr später zum erstenmal mein blaues Zimmer betrat, lachte nicht verlegen, sondern sah sich kritisch um. Man merke, sagte sie, daß ich noch nicht den proletarisch-revolutionären Standpunkt eingenommen hätte; und sie zeigte auf das Poster an der Wand, das sie wie meine Bücher und eine Platten als bürgerlich-reaktionär empfand. Je nun, sprach sie beschwichtigend und siegessicher weiter, ich sei ja noch ein junger Genosse; ich würde schon noch erkennen, wie wichtig es sei, sich umerziehen zu lassen. Das sehe ich anders, sagte ich. Für mich sei es kein Widerspruch, mich an Klimt und Mahler und den Stones zu erfreuen und die Rote Fahne zu verkaufen. Ich sei, so sagte ich damals wohl zu erstenmal, kulturkonservativ. Nur proletarisch-revolutionäre Romane zu lesen und Ernst Busch zu hören sei mir zu wenig. Und während ich das sagte, dachte ich an meinen Vater, den ich nur Bücher aus der braunen Ecke hatte lesen sehen, und an meine Schulfreundin Uschel, in deren evangelikalem Bibelkreis es verpönt war, nichtchristliche Bücher zu lesen und nichtchristliche Musik zu hören. Wenn es, dachte ich, kommunistisch ist, Thomas Mann und Gustav Mahler zu verachten, dann bin ich kein Kommunist und werde auch niemals einer sein. Und manchmal dachte ich sogar, meine eigenen Genossen würden mich nach der Revolution als einen der ersten in ein Arbeitslager stecken.
Wenig später war ich es gewohnt, von den eifrigsten Genossinnen und Genossen als revisionistisch verurteilt zu werden und von unorganisierten linken Kommilitonen als rechts. Die nationale Frage, sagte ich stets, dürfe man nicht den Nazis überlassen, und die bürgerliche Kultur nicht der CDU. Beschränkten fortschrittliche Lehrer sich etwa darauf, die Schüler im Deutschunterricht nur über Zeitungstexte diskutieren zu lassen und ihnen an Literatur nur kurze Prosatexte und reimlose Gedichte über die Arbeitswelt zu bieten, erwiesen sie der Bildung und damit auch der politischen Bildung, ja der Identität ihrer Schüler einen Bärendienst. Es sei, rief ich immer wieder, eine Schande, wenn linke Germanistikstudenten meinten, es sei autoritär und reaktionär, als Professor von ihnen zu verlangen, sie müßten Sütterlin und Fraktur lesen können. Ja wollt ihr denn, rief ich, daß Generationen heranwachsen, die all die Bücher und Briefe ihrer Großeltern nicht mehr lesen können? Entspricht das eurem Geschichtsverständnis? Wollt ihr ein ungebildetes Volk, das auf Experten angewiesen ist?
Inzwischen sind, wie allgemein bekannt, viele (wenn nicht sogar die meisten) unserer Schüler nicht nur nicht in der Lage, alte Bücher und Briefe zu lesen, sondern auch nicht fähig, die simpelsten Sachtexte zu verstehen. Heute nachmittag werde ich wieder einen Gymnasiasten aus der 12. Klasse unterrichten, der mir vor einer Woche nicht erklären konnte, was konservativ und diskriminieren heißt. Undenkbar wäre, daß ein Geschichtslehrer mit ganz normalen Schülern heutzutage in einem Grundkurs liest, was unser Lehrer einst mit uns gelesen hat: Auszüge aus Die Transformation der Demokratie von Agnoli/Brückner. Und warum? Weil es einst als fortschrittlich galt zu glauben, Schule müsse Spaß machen und spannend sein. Wohl keiner aus meiner Klasse von 1972 hat Spaß daran gehabt, Agnoli/Brückner zu lesen; doch wir alle - ausnahmslos - haben vieles dabei gelernt: nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben; und dies bei Lehrern, die als rechts galten; bestenfalls als liberale Scheißer.
Heute gelte ich, ein alter kulturkonservativer Linker, manch jüngeren Linken nicht nur als ein liberaler Scheißer, sondern als rechts. So etwa schrieb einer meiner Leser, nachdem ich Günther Becksteins Kritik am Neoliberalismus positiv bewertet hatte, in seinem Kommentar:
Ich war und bin gegen nationale Saubermänner; ich war und bin aber auch gegen religiöse oder linke Saubermänner. Ich war und bin gegen alle, die mich daran hindern wollen, mit offenen Augen die Welt zu betrachten, frei zu denken und öffentlich sagen zu können, was ich denke. Dazu gehört, daß ich keinen Menschen, auch nicht jene Politiker, Wirtschaftsbosse oder Journalisten, die ich in diesem Blog kritisiere, prinzipiell als meinen Feind betrachte. Denn noch mit jedem Menschen auf der Welt gibt es (ob ich es will oder nicht) irgendetwas, das mich verbindet. Das gilt für Herrn Beckstein, aber auch für alle, die da aus guten Gründen meinen, er sei ein heuchler widerwärtigster art. Und deshalb warne ich aus guten Gründen vor jeder reinen Lehre. Die Geschichte sollte uns gezeigt haben, daß nicht die bruchstellen ein Gebäude zum Gefängnis machen, sondern jene Bewohner, die da glauben, es von allem Schmutz und Staub befreien und alle Fenster und Türen luftdicht verschließen zu müssen. Denn solange es Menschen gibt, wird es keine reine Lehre geben; und solange es das Universum gibt, keine reine Leere.
Kadergenossin Ulle vom Kommunistischen Studentenverband, die ein Jahr später zum erstenmal mein blaues Zimmer betrat, lachte nicht verlegen, sondern sah sich kritisch um. Man merke, sagte sie, daß ich noch nicht den proletarisch-revolutionären Standpunkt eingenommen hätte; und sie zeigte auf das Poster an der Wand, das sie wie meine Bücher und eine Platten als bürgerlich-reaktionär empfand. Je nun, sprach sie beschwichtigend und siegessicher weiter, ich sei ja noch ein junger Genosse; ich würde schon noch erkennen, wie wichtig es sei, sich umerziehen zu lassen. Das sehe ich anders, sagte ich. Für mich sei es kein Widerspruch, mich an Klimt und Mahler und den Stones zu erfreuen und die Rote Fahne zu verkaufen. Ich sei, so sagte ich damals wohl zu erstenmal, kulturkonservativ. Nur proletarisch-revolutionäre Romane zu lesen und Ernst Busch zu hören sei mir zu wenig. Und während ich das sagte, dachte ich an meinen Vater, den ich nur Bücher aus der braunen Ecke hatte lesen sehen, und an meine Schulfreundin Uschel, in deren evangelikalem Bibelkreis es verpönt war, nichtchristliche Bücher zu lesen und nichtchristliche Musik zu hören. Wenn es, dachte ich, kommunistisch ist, Thomas Mann und Gustav Mahler zu verachten, dann bin ich kein Kommunist und werde auch niemals einer sein. Und manchmal dachte ich sogar, meine eigenen Genossen würden mich nach der Revolution als einen der ersten in ein Arbeitslager stecken.
Wenig später war ich es gewohnt, von den eifrigsten Genossinnen und Genossen als revisionistisch verurteilt zu werden und von unorganisierten linken Kommilitonen als rechts. Die nationale Frage, sagte ich stets, dürfe man nicht den Nazis überlassen, und die bürgerliche Kultur nicht der CDU. Beschränkten fortschrittliche Lehrer sich etwa darauf, die Schüler im Deutschunterricht nur über Zeitungstexte diskutieren zu lassen und ihnen an Literatur nur kurze Prosatexte und reimlose Gedichte über die Arbeitswelt zu bieten, erwiesen sie der Bildung und damit auch der politischen Bildung, ja der Identität ihrer Schüler einen Bärendienst. Es sei, rief ich immer wieder, eine Schande, wenn linke Germanistikstudenten meinten, es sei autoritär und reaktionär, als Professor von ihnen zu verlangen, sie müßten Sütterlin und Fraktur lesen können. Ja wollt ihr denn, rief ich, daß Generationen heranwachsen, die all die Bücher und Briefe ihrer Großeltern nicht mehr lesen können? Entspricht das eurem Geschichtsverständnis? Wollt ihr ein ungebildetes Volk, das auf Experten angewiesen ist?
Inzwischen sind, wie allgemein bekannt, viele (wenn nicht sogar die meisten) unserer Schüler nicht nur nicht in der Lage, alte Bücher und Briefe zu lesen, sondern auch nicht fähig, die simpelsten Sachtexte zu verstehen. Heute nachmittag werde ich wieder einen Gymnasiasten aus der 12. Klasse unterrichten, der mir vor einer Woche nicht erklären konnte, was konservativ und diskriminieren heißt. Undenkbar wäre, daß ein Geschichtslehrer mit ganz normalen Schülern heutzutage in einem Grundkurs liest, was unser Lehrer einst mit uns gelesen hat: Auszüge aus Die Transformation der Demokratie von Agnoli/Brückner. Und warum? Weil es einst als fortschrittlich galt zu glauben, Schule müsse Spaß machen und spannend sein. Wohl keiner aus meiner Klasse von 1972 hat Spaß daran gehabt, Agnoli/Brückner zu lesen; doch wir alle - ausnahmslos - haben vieles dabei gelernt: nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben; und dies bei Lehrern, die als rechts galten; bestenfalls als liberale Scheißer.
Heute gelte ich, ein alter kulturkonservativer Linker, manch jüngeren Linken nicht nur als ein liberaler Scheißer, sondern als rechts. So etwa schrieb einer meiner Leser, nachdem ich Günther Becksteins Kritik am Neoliberalismus positiv bewertet hatte, in seinem Kommentar:
mit ihrem beitrag haben Sie leider auch sehr schön aufgezeigt, wo sich innerhalb eines linken(?) denkens die bruchstellen befinden, durch die rechtsextreme inhalte in "eigentlich" herrschaftskritische diskurse befördert werden. und zwar ohne, dass es "den linken" groß auffallen müsste.Wenn ich das recht verstanden habe, geht mein Blognachbar davon aus, daß es eine reine linke Lehre gebe, die davor bewahrt werden müsse, daß rechtsextreme inhalte in sie eindringen. Gleichzeitig unterstellt er Beckstein - vielleicht zu Recht - nationalistische[n], vielleicht sogar völkische[r] tendenzen. Worin aber besteht nationalistisches und völkisches Denken zuallererst? In der Abwehr all dessen, was den hl. Volkskörper (vermeintlich) zu verunreinigen droht. Daran muß ich jedesmal denken, wenn ein Linker, ganz gewiß ein liebenswerter Mensch, kommt und davor warnt, daß rechtsextreme inhalte in "eigentlich" herrschaftskritische diskurse befördert werden. Ach! gar zu viele Linke wittern überall Rassismus und völkisches Denken; doch sie selbst sind die eifrigsten Verteidiger einer reinen linken Lehre, die es genausowenig gegeben hat wie ein reines Christentum oder gar ein rassereines Volk.
Ich war und bin gegen nationale Saubermänner; ich war und bin aber auch gegen religiöse oder linke Saubermänner. Ich war und bin gegen alle, die mich daran hindern wollen, mit offenen Augen die Welt zu betrachten, frei zu denken und öffentlich sagen zu können, was ich denke. Dazu gehört, daß ich keinen Menschen, auch nicht jene Politiker, Wirtschaftsbosse oder Journalisten, die ich in diesem Blog kritisiere, prinzipiell als meinen Feind betrachte. Denn noch mit jedem Menschen auf der Welt gibt es (ob ich es will oder nicht) irgendetwas, das mich verbindet. Das gilt für Herrn Beckstein, aber auch für alle, die da aus guten Gründen meinen, er sei ein heuchler widerwärtigster art. Und deshalb warne ich aus guten Gründen vor jeder reinen Lehre. Die Geschichte sollte uns gezeigt haben, daß nicht die bruchstellen ein Gebäude zum Gefängnis machen, sondern jene Bewohner, die da glauben, es von allem Schmutz und Staub befreien und alle Fenster und Türen luftdicht verschließen zu müssen. Denn solange es Menschen gibt, wird es keine reine Lehre geben; und solange es das Universum gibt, keine reine Leere.
quirinus - am Dienstag, 4. Oktober 2005, 12:36 - Rubrik: Menschenforschung
monoma meinte am 4. Okt, 13:08:
nein.
Wenn ich das recht verstanden habe, geht mein Blognachbar davon aus, daß es eine reine linke Lehre gebe, die davor bewahrt werden müsse, daß rechtsextreme inhalte in sie eindringen.das haben Sie nicht recht verstanden. gegenüber reinen lehren von links bin ich spätestens seit der lektüre vom "archipel gulag" ziemlich allergisch.
es geht bei meiner kritik an Ihren dankesworten gegenüber beckstein schlicht darum, dass Sie hier eine imo rein taktische äußerung mit einer bedeutung füllen, die sie nicht hat. gerade becksteins zitat zum gesundheitswesen macht das deutlich, wenn seine berufung auf "christliche grundsätze" vor dem hintergrund seiner realen politik als innenminister gesehen wird. da darf imo schon eher von einer reinen leere gesprochen werden - und zwar eine leere an glaubwürdigkeit. und bezweifelt werden darf auch mit fug und recht, ob er wirklich auch menschen mit anderer hautfarbe als der weißen mit in seine gesundheitspolitischen absichten einbezieht.
*
und nebenbei: was ist diese nationale frage eigentlich, die Sie nicht den nazis überlassen wollen? "nationalitäten" sind konstruierte identitäten aka emotionale stützkorsette für leute, die derlei nötig haben - symptom eines unerkannten mangels. es gibt daran nichts positives. und als reflex auf die als-ob-globalisierung (eine tatsächliche globalisierung würde ein verantwortungsvolles planetares bewußtsein bedeuten) die rettung im anachronismus "nationalstaat" zu sehen, wäre imo geradezu einer der letzten sargnägel, die dem deckel noch fehlen.
Ihre ausführungen zur unseligen zeit der k-gruppen, die ich persönlich glücklicherweise nur noch rudimentär mitbekommen habe, finde ich interessant. und frage mich, ob diese nationale frage nicht genau ein ideologisches fragment dessen darstellt, was Sie ansonsten in Ihrem beitrag thematisieren ?
quirinus antwortete am 4. Okt, 13:55:
Früher wurde mir mal nachgesagt, ich sei Till Eulenspiegel. Und tatsächlich nehme ich bestimmte Dinge gern wörtlich; so auch Becksteins Kritik am Neoliberalismus. Er möge sie bitte beherzigen.Und die nationale Frage? In den 70er Jahren (um die es in meinem Text geht) stritt man sich darüber, ob es zwei deutsche Nationen - BRD und DDR - gebe oder nicht. Ich habe es schon damals mit Willy Brandt gehalten, der bekanntlich später sagte, es werde zusammenwachsen, was zusammengehört.
Im übrigen halte ich nationale Identitäten für genausowenig konstruiert wie Ich-Identitaten, Gruppenidentitäten u.dgl.m. Es sind psychologische Gegebenheiten. Etwas anderes allerdings sind die politischen Konsequenzen, die man daraus zieht. Ich selbst bin Deutscher und Kosmopolit zugleich; denn ich sage: daß nur Kosmopolit sein und andere Völker bzw. Nationalitäten anerkennen kann, wer seine eigene Identität kennt. Meine ist die deutsche Sprache (ohne die ich kein schlechterer Mensch wäre; nur eben ein anderer) und mit ihr die deutsche Kultur, wozu ich auch deren Schattenseiten und Abscheulichkeiten zähle: die ja von vielen deutschen Anhängern eines linken Internationalismus gern verleugnet werden. Nur SIE haben mit den Nazis nichts zu tun, meinen diese Leute allen Ernstes. Aber JEDER Deutsche hat auf die eine oder andere Weise damit zu tun, so wie auch JEDER auf die eine oder andere Weise etwas mit seiner Familie zu tun hat, ob es ihm paßt oder nicht. Bestritten wird dies nicht zufällig gleichermaßen von radikalischen Antifaschisten wie Anhängern religiöser Sekten.
Kurz: Ich habe kein Problem damit, ein Deutscher zu sein und einer Nation anzugehören, die ich nicht als politische, sondern als offene Kulturnation verstehe: im Sinne dessen, was Thomas Mann darunter verstanden hat. Deshalb auch wäre es für mich durchaus ein schmerzlicher Mangel, dieser Nation entrissen zu werden: ob durch bücherverbrennende und menschenmordende Nazihorden, die mich zur Emigration zwängen, oder durch internationalistische Gleichmacherei.
Noch kürzer: Ich empfinde den Internationalismus ebenso als Zwangsjacke wie den Nationalismus und jeden anderen Ismus.
karstenduerotin meinte am 4. Okt, 17:14:
"Wollt ihr ein ungebildetes Volk, das auf Experten angewiesen ist?"Das scheint bei vielen so zu sein. Die Fixierung auf Experten hat mittlerweile bereits solche Ausmaße angenommen, dass viele Menschen schon glauben, dass sie ja von allen verfügbaren politischen Themen "sowieso keine Ahnung haben". Dann überlässt man die Entscheidung doch lieber den Experten - was ich für einen gefährlichen Trend halte. "Obwohl nur einige wenige eine Politik entwerfen können, so sind wir doch alle fähig, über sie ein Urteil zu fällen", sagte Perikles; dieses Bewusstsein geht aber zunehmend verloren in einer Gesellschaft, die intellektuelle Führung durch Experten dem eigenen kritischen Verstand vorzieht.
Und da der Expertengläubige mangels eigener Beschäftigung mit politischen Themen auch stets nur die politischen Auffassungen seiner "Experten" nachäfft, kann es hier überhaupt keinen Diskurs mehr geben; die öffentliche Diskussion erschöpft sich im Austausch längst bekannter Haltungen und erstirbt schließlich ganz, wenn eine gemeinsame kulturelle Betätigung unter der hier angesprochenen Fixierung auf "politisch erwünschte" Kulturinhalte erstirbt und die notwendige, gedanklich-kulturelle Basis jeglicher öffentlichen Diskussion erstickt worden ist.
quirinus antwortete am 4. Okt, 20:19:
Sdimmt. Demokratie wird durch Expertokratie ersetzt. Wozu noch Wahlen? Wir haben ja das Trendbüro, Roland Berger & Jung v. Matt.
wvs_at_re-actio.com antwortete am 6. Okt, 00:19:
Viele Ihrer Ausführungen ....
in diesem Weblog waren für mich irgendwie in Nebel gehüllt, sind jetzt jedoch - nach Lektüre Ihres Eingangsstatements und der Kommentare deutlich als Silhouetten hervorgetreten .... das Bild, das nun zu sehen ist zeigt mir eine grundsätzliche Geistesverwandschaft - vor völlig verschiedenem Hintergrund ....Lassen Sie nicht nach, zu mahnen.
Lassen Sie nicht nach, den Eulenspiegel zu geben.
Lassen Sie nicht nach aufzuzeigen, daß die Gesellschaft nicht aus "Schubladen-Bewohnern", sondern aus Individuen besteht!
Aus meiner Sicht lohnt es sich, an eine Besserung durch Vorhalten eines Spiegels zu glauben ....
neukoelln antwortete am 8. Okt, 15:36:
Wahr gesprochen!
Wenn ich das Wort Experte höre, wird mir speiübel. Was ist ein Experte? Jemand, der einem sagt, wie sich Dinge entwickeln, wenn alles so bleibt, wie es ist.
Hackmeck meinte am 7. Okt, 12:09:
Gut gebrüllt, Löwe!