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Gestern gab Spon Herrn Dieter Althaus (CDU) die Gelegenheit, seine von der Druckerschwärze des Scherer-Schulbuchs* befleckten Hände öffentlich in Unschuld zu waschen. Hier die entscheidende Passage des Interviews:
Althaus: Es geht nicht darum, den Kreationismus zu propagieren, das ist eine böswillige Unterstellung. Es gibt verschiedenste Theorien, über deren Berechtigung man diskutieren können muss. Dazu gehört die Frage, wie sich der christliche Glaube mit der Evolutionslehre vereinbaren lässt.

SPIEGEL: Dennoch setzen Sie sich dem Vorwurf aus, religiösen Fundamentalisten den Boden zu bereiten.

Althaus: Das ist absoluter Blödsinn. Die Kreationisten lehnen wissenschaftlich erklärbare Theorien wie die Evolutionstheorie von Grund auf ab. Das ist nicht meine Position. Aber eine Diskussion über unterschiedliche Theorien muss möglich sein. Ich habe in der DDR erlebt, dass ideologische Ausrichtungen so stark definiert waren, dass es keine Debatte mehr geben durfte. Ich bin eigentlich froh, dass wir diese Zeit hinter uns gelassen haben.
Ginge es nach jenen Evangelikalen, in deren Umfeld das strittige Buch erschien, käme solch eine Zeit bald wieder; im Sinne Reiches Christi auf Erden. Ob Herr Althaus sich nach einem evangelikalen Staat sehnt, weiß ich allerdings nicht. Ich weiß nur, daß ihm mit Vorsicht zu begegnen ist; denn er scheint, obwohl er Scherer doch schon seit Jahren kennt, weniger über ihn zu wissen als ich nach ein paar Minuten. So sagt er gleich eingangs:
Althaus: Scherer ist nicht mit dem Kreationismus gleichzusetzen.
Das mag sein. Kein Mensch ist mit irgendeinem Ismus gleichzusetzen. Doch weshalb betätigt Herr Scherer er sich so gern als Redner auf kreationistischen Konferenzen & Kongressen, etwa 1994 als Gast der kreationismusgläubigen Christian Science Fellowship? Und weshalb hat der Althaus-Interviewer es versäumt, mal eben schnell nach scherer + creationist zu googeln? Wer nicht zu faul ist, wird rasch feststellen, daß Scherer nicht nur von US-amerikanischen Kreationisten als ihresgleichen akzeptiert wird: so etwa auf der Website www.answersingenesis.org, deren Motto lautet: Upholding the Authority of The Bible From the Very First Verse. Und er wird auch darob erstaunt sein, daß es eine in der Kreationistenszene nicht minder geschätzte Frau Dr. Sigrid Hartwig-Scherer gibt. Sie sei "his wife", las ich zuerst auf www.creationresearch.org. Und das Motto dieser Website? For in six days the LORD made the heavens and the earth, the sea, and all that is in them...

Wer's glaubt, wird selig. Siegfried & Sigrid Scherer zählen ganz offensichtlich schon lange zu den Seligen. Und Herr Althaus, der sich seit Jahren so auffallend für das Scherer-Schulbuch und nun für den untadeligen wissenschaftlichen Ruf seines Glaubensbruders Diskussionsteilnehmers einsetzt, wird wohl wissen, weshalb er es tut. Schließlich hat er anläßlich der Verleihung des Schulbuchpreises 2002 an Scherer und dessen Co-Autor eine Rede mit dem Titel Der Beitrag von Schule zur Werteerziehung gehalten. Darin heißt es (ich zitiere zeichengetreu; Hervorhebung):
Natürlich spielt der Religionsunterricht dabei eine wichtige Rolle. Im Religionsunterricht können Jugendliche erfahren, dass unsere Welt Schöpfung Gottes ist und der Mensch ein teil dieser Schöpfung – in seiner hand ruhend. Hier erfahren sie, dass der Mensch heilsbedürftig bleibt, doch durch Gottes in Christus offenbarter Liebe erlöst und zu einem Leben berufen wurde, das auch den Tod überdauert.
Und er zitiert aus der Vorrede des Schulbuchs:
Niemand kann über diese Fragen nachsinnen, ohne zu glauben – doch jeder wird wählen müssen, was er glauben will. Wenn dieses Buch dazu beigetragen hat, die Unumgänglichkeit dieser Wahl (neu) bewusst zu machen, hat es seinen Zweck erfüllt.
Wer den Schülern predigt, jeder müsse wählen zwischen Evolutionstheorie oder Schöpfungsgeschichte, der setzt sie unter Druck und sagt ihnen implizit, er müsse sich zwischen Gott oder Teufel entscheiden. Und wer solch ein Buch, das offensichtlich von Kreationisten* stammt, mit diesen Worten preist:
Die Evolutionsgläubigen verallgemeinern ihre scheinbar in sich schlüssige Theorie und lassen für die Möglichkeit der Schöpfung keinen Raum. Ihr Buch ist offen und lässt keinen mit einfach, scheinbar in sich schlüssigen Erkenntnisketten allein, sondern zeigt Brüche, wirft Fragen auf und weist auf Antworten hin. Bemerkenswert!
- der gibt sich zwischen den Zeilen zumindest als Sympathisant des Kreationismus zu erkennen. Aufschlußreich ist neben der Rede auch dies (kursive Hervorhebungen von mir):
Jüngere Wissenschaftler, die an dem Buch mitgewirkt haben, möchten nicht namentlich genannt werden, um ihre berufliche Karriere nicht zu gefährden. Scherer konnte aber auf die Mitwirkung seiner an dem Festakt teilnehmenden Ehefrau, einer promovierten Biologin, und des Geschäftsführers der evangelikalen Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" (Baiersbronn) Dr. Reinhard Junker hinweisen. Ohne die Unterstützung der Studiengemeinschaft wäre die Schaffung des Buches nicht möglich gewesen.
Am deutlichsten jedoch wird Wolfram Ellinghaus, der Vorsitzende des Vereins, der den Schulbuchpreis verleiht, in seiner Begrüßungsansprache, bei der es sich auch um die Übersetzung eines evangelikalen Ami-Pamphlets handeln könnte. Ich zitiere (Hervorhebungen von mir):
Es ist nicht einzusehen, dass wir untätig zusehen müssen, wie in anderen Ländern dem Nachwuchs eine religiöse Orientierung vermittelt wird – sei es in der Schule, sei es im ganzen privaten und öffentlichen Leben – während bei uns geistig-moralisch und wirtschaftlich alles den Bach hinuntergeht, weil es bei uns daran fehlt, in den öffentlichen Schulen angeblich aus verfassungsrechtlichen Gründen, und das obwohl unsere verfassungsrechtliche Ordnung christlich fundiert ist. Dadurch sind bei uns viele Menschen nicht einmal fähig zum Dialog mit Vertretern anderer Religionen, etwa des Buddhismus, wo ein Vater lieber seine Kinder von Ratten auffressen lässt, als diese Ratten zu erschlagen, oder des Hinduismus mit seinem menschenverachtenden Kastensystem und den Parias, vom Islam ganz zu schweigen.
Womit Herr Ellinghaus seine Fähigkeit zum Dialog mit den Vertretern anderer Religionen, kurz: seine christliche Toleranz höchst eindrucksvoll unter Beweis gestellt hätte. Wie amerikanisch sein Christentum ist, zeigt der folgende Satz:
Von Japan abgesehen sind alle wohlhabenden und wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich führenden Länder der Welt christlich verwurzelt.
Im Klartext: Das Christentum ist die Basis des modernen Kapitalismus. Und die Evolutionslehre?
Eine skandalöse Irreleitung der orientierungsbedürftigen, hilflosen Kinder. Tote Materie kann nicht von selber lebendig werden, das können nur Atheisten meinen. Für sie gibt es nur einen Fall, wo Totes nicht lebendig werden konnte, nämlich der tote Jesus Christus, er konnte nach Meinung der Atheisten nicht wieder lebendig werden.
Wer Ohren hat, der höre. Und wer Augen hat, der sehe. Das Logo des Vereins Lernen für die Deutsche und Europäische Zukunft e.V. zeigt nicht irgendein aufgeschlagenes Buch. Wer die evangelikale Szene auch nur ein wenig kennt, der weiß, daß es die Bibel symbolisiert; und er weiß, daß alles, was so weltoffen daherkommt: als Schulbuch, Schulbuchpreis, Rede oder Diskussionsbeitrag, nicht christlich-abendländisch ist, also nicht vom Geist der Aufklärung geprägt, sondern evangelikal-amerikanisch und eben deshalb auch gar geschäftstüchtig überschrieben mit Unser Unternehmen. Und, oh! es ist ein expandierendes. So jauchzte denn auch jesus-online:
Die Kanzlerkandidatin der CDU/CSU, Angela Merkel, hat eine Reihe engagierter Christen in ihr Kompetenzteam berufen. Die CDU-Vorsitzende - selbst evangelisch - stellte am 17. August in Berlin die Expertenriege vor, die sie im Wahlkampf unterstützen soll. Dem Team, das laut Merkel kein Schattenkabinett sein soll, gehören sechs Katholiken und drei Protestanten an.
Darunter selbstverständlich auch unser frommer Herr Althaus, der sich wärmstens für die Stationierung deutscher Truppen im Irak ausgesprochen und es in Washington fertiggebracht hat, Gott in einer kurzen Rede gleich viermal Dank zu sagen. Aber der wußte schon, weshalb er den Menschen verboten hat, seinen Namen unnütz im Munde zu führen. /> />


Für eines aber müssen wir auch diesen Christen dankbar sein: daß sie auf all das hinweisen, was die neunmalklugen 68er in ihrem kalten Polit-Orgasmus jahrzehntelang versäumt haben. Und das ist, G**t sei's geklagt! eine ganze Menge. Wir sollten es nicht denen überlassen, die uns jetzt geistlich aufrüsten wollen zum letzten Gefecht wider das Böse.

____

* Vgl. hierzu und zum Thema Kreationismus con variazioni die materialreiche Website von Thomas Waschke, die ich erst nach Fertigstellung meines Beitrags entdeckt habe. Wer googelt, der findet.
wvs_at_re-actio.com meinte am 28. Sep, 10:13:
Sehr ....
aufschlußreich und informativ! Ich wußte garnicht, daß wir auch hier schon so weit auf diesem Weg fortgeschritten sind!

Ob Satire hilft, solchen Unfug zu verhindern? 
blogger.de:floetenfuchs meinte am 28. Sep, 10:42:
Klasse recherchiert und dabei öffentlich wirksame Auftritte der verantwortlichen Protagonisten mit fundierter Textanalyse hinterfragt. Glückwunsch! 
Sebas1ian meinte am 28. Sep, 11:54:
Das Ironische
dabei ist, dass doch die sogenannten Konservativen und Neokonservativen mit ihrem blindwütigen "Modernisieren", ihrer Verleugnung alles nicht Quantifizierbaren, ihrer Diskreditierung der Solidarität und ihrer Einebnung aller Werte in Warenwerte Gott systematisch aus der Gesellschaft ausgetrieben, ihn also umgebracht haben, und ihn jetzt mit gesalbeiten Worten wieder herbeireden wollen.

"Wir brauchen eine Wertediskussion"? Nein, wir brauchen Werte.

Übrigens scheint man von dieser Strategie des Austreibens und wieder Herbeiredens wirklich überzeugt zu sein - die Leute hinter "Du bist Deutschland" versuchen dasselbe mit unserer Lebensfreude. 
quirinus antwortete am 28. Sep, 12:10:
Dank an alle; und:
tausendmal recht hast du, Sebastian. Zu ergänzen wäre nur noch, daß der heutige Wahn ein Produkt der 68er ist. Damals galt es ja als äußerst fortschrittlich, Karl Marx auf das Ökonomische zu reduzieren. Der pathologische Narzißmus von heute ist die Kehrseite des gleichgeschalteten Polit- & Psycho-WG-Lebens von einst. Und die Psychos behandeln uns jetzt wie Klienten in einer Verhaltenstherapie. Ich betrachte es schon als Frechtheit, daß diese Säcke uns duzen. 
destinatio meinte am 29. Sep, 19:15:
Infos zu Siegfried Scherer
Natürlich geben auch deutschsprachige Seiten ne Menge Infos zur Einstellung Scherers her:

insbesondere: http://www.wort-und-wissen.de

aber auch: http://www.genesisnet.info

viel Spaß damit ;-) 
quirinus antwortete am 30. Sep, 01:07:
Auf den ersten Link hatt' ich schon verwiesen; den zweiten kannte ich noch nicht, weil mir vom vielen Googeln im Aminetz schon ganz schlecht war. Vielen Dank für den Hinweis. 
Schoggo-TV meinte am 3. Okt, 05:31:
Danke!, ... Joschka & Co.
"Es kann nicht sein,was nicht sein darf!"
Mir scheint in der letzten Zeit, daß die alten 68er, die ganze Gutmenschrevolution der letzten Jahre, sehr viel mit dem Kreationismus gemein hat, wenn nicht gar diesem den Boden bereitet hat. ... und daran wären dann die Grünen tatsächlich schuld, wie Fischer dies als Wahlkampfslogan genutzt hat - Danke Joschka!
Da haben die Antiautoritären den Belzebub mit dem Teufel ausgetrieben - wenn nicht gar mit sich selbst. 
quirinus antwortete am 3. Okt, 09:28:
Das sdimmt. Aber:
Es ging schon im 18. Jahrhundert los; nämlich damit, daß die meisten Aufklärer in Abgrenzung zum Christentum meinten, der Mensch sei von Natur aus gut. Nur wer damit leben kann, daß der Mensch weder 'nur gut' noch 'nur böse' ist, sondern je nach den Umständen beides sein kann, hat sich aus den Fängen der Erlösungsreligionen inkl. Marxismus & Neopsychoanalyse befreit. Mit dieser Freiheit aber scheinen die wenigsten zurechtzukommen. Denn wer gibt schon gern zu, daß auch in ihm 'Böses' steckt? Ich hab da keine Probleme mit. 
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